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Karte 1: Uwe Johnson »Zwei Ansichten« (1965)  © Karte: Giannina Widmer

Berlin-Literatur und Stadttopographie

» „über die Mauer“ und das Loch mitten in Berlin. Berlin-Literatur vor und nach der Wende – literaturgeographisch betrachtet«

von Giannina Leonie Widmer (Masterarbeit, Universität Basel 2010), ausgezeichnet mit dem Nachwuchsförderpreis “Schwizerhüsli Basiliensis”

Bemerkung: Die Masterarbeit bezieht sich teilweise auf Kategorien und Konzepte aus dem „Literarischen Atlas Europas“. Die Studie steht am Ende des Artikels als Download bereit.

Auszüge aus dem Gutachten von Barbara Piatti:

Die vorliegende Arbeit ist literarischen, erzählenden Texten gewidmet, die in Berlin spielen – vor und nach 1989, von der Autorin als „Mauertexte“ und „Wendetexte“ bezeichnet. Der Fokus der Interpretation ist dabei explizit auf Schauplätze und Handlungsräume gerichtet, kurz: auf die räumliche, geographische und topographische Dimension der ausgewählten Literatur. [...]

In ihrer theoretischen Grundlegung bezieht sich die Autorin auf bestehende Konzepte einer neueren Literaturgeographie. Ähnlich wie Piatti (2008) geht die Autorin von einer generell referentiellen und deshalb beschreib- und deutbaren Beziehung zwischen Real- oder Georäumen und Texträumen aus:

„Die Ausgangsthese lautet dementsprechend, dass der je zeitspezifische Georaum den Metaraum massgeblich organisiert.“ (S. 4).

Kartiert werden vier Beispiele deutscher Erzählliteratur, für deren Wahl plausible Gründe genannt werden. Bereits in der Beschreibung des Vorgehens stellt die Autorin ihren ebenso kritischen wie kreativen Geist unter Beweis:

„Die Kartierungsexperimente zeigen nicht zuletzt auf, wo literaturgeographische Kategoriebegriffe überdacht oder differenziert werden müssten, um den einzelnen Erzählwerken gerecht zu werden.“ (S. 6).

Besonders eindrücklich sind die selbst konzipierten literaturgeographischen Karten, die mit den Interpretationen aufs Engste verknüpft sind und damit den Anspruch erfüllen, tatsächlich Analyseinstrumente zu sein und nicht bloss Illustrationen. In diesem Zusammenhang ist der pragmatische Entscheid der Autorin zu loben, die Karten in einer handgezeichneten, skizzenhaften, aber gerade deswegen sehr charmanten Form zu belassen [...].

Stellvertretend seien hier zwei Analysen kurz referiert:

Für Uwe Johnsons Zwei Ansichten (1965) arbeitet die Autorin heraus, dass die Figurenräume von Protagonist und Protagonistin, B. und D., voneinander geschieden sind und keinerlei Überschneidungen aufweisen (S. 19). Zudem scheint sich der Roman „einer präzisen Kartierung geradezu zu entziehen“ (S. 20). Auch die Ausführungen zum Henriettenplatz, einem Hauptschauplatz, werden stringent formuliert. Bei ihm liegt „keine aktuell-realreferente Beschriftung vor. Entweder handelt es sich um einen fingierten oder aber um einen transformierten Ort, der zum Zweck der Verschleierung umbenannt wurde.“ (S. 32). Diese Beobachtung passt hervorragend zur Logik des Textes, denn diese Transformation/Verschiebung/Umbe-nennung ist als gewollte Chiffrierung lesbar: Am Henriettenplatz liegt das Büro der Fluchthilfegruppe, das so buchstäblich getarnt wird:

„Die Strategie des Verdeckens, die sich in indirekten Referentialisierungen, vor allem aber im transformierten Hauptschauplatz äussert, ist die adäquate Form für diese Fluchtgeschichte.“ (S. 36).

Bei einem anderen Raummotiv, der Ost-West-Grenze wünscht sich die Verfasserin eine Erweiterung des Kategoriensets: B. passiert die Grenze oft in einem tranceähnlichen Zustand, „so dass die Grenzzone auch hier deutlich projektive Züge annimmt.“ (S. 30). „Es zeigt sich an dieser Stelle auf jeden Fall noch einmal, dass figurenspezifische Einstellung und Wahrnehmung einer Raumeinheit von Bedeutung sind und es wichtig wäre, diese kartographisch zu erfassen bzw. zum Ausdruck bringen zu können.“ (ebd.).

Gerade an dieser Interpretation zeigt sich auch, dass die Autorin niemals Gefahr läuft, sich in die einmal gewählte Methode zu verstricken: So verzichtet sie auf ein mühevolles und zum vornherein unmögliches Abgleichen mit dem Georaum im Einzelnen:

„Wenn an dieser Stelle auf eine detektivische Recherche zum Zwecke endgültiger Bestimmung dieser Orte verzichtet wird, dann deshalb, weil ein solches Unterfangen wohl kaum zusätzlich Aufschluss über die Organisation des Handlungsraums gäbe, als durch die Problematisierung des Prinzips indirekter Referentialisierung ohnehin deutlich geworden ist.“ (S. 22).

Vielmehr hält die Autorin fest, dass sich schwer lokalisierbare Orte und verdeckte Lagebeschreibungen gegen Ende des Textes, „wenn sich die Hinweise auf die Flucht der D. verdichten“ (S. 22), häufen: Die im Text entfaltete Geographie korreliert also deutlich mit dem inhaltlichen Geschehen.

Bei der Analyse von Peter Scheiders Der Mauerspringer (1982) richtet die Autorin ihr Augenmerk u.a. auf das Verhältnis von Rahmen- und Binnenhandlung(en). Entgegen dem bestehenden literaturgeographischen Kategoriensystem deutet die Verfasserin die Orte der Binnenerzählungen nicht als projizierte Orte (= Orte, die in der Vorstellung des Rahmenerzählers aufgerufen/evoziert werden). Sie scheinen ihr (und dies zu Recht) als Schauplätze und Handlungszonen klassifizierbar zu sein, denn sie nehmen insgesamt mehr Raum ein als die Rahmenhandlung und sind zudem „entschieden handlungs- und spannungsreicher“ (S. 41). Die Autorin schlägt überdies vor, auf der Binnenebene wiederum zwischen „Orten mit Schauplatz-charakter und projizierten Orten“ (S. 41) zu differenzieren. Sie entscheidet sich schliesslich für zwei getrennte Darstellungen in Form zweier Karten die sich miteinander vergleichen lassen (Karte 2a und 2b):

„Hinsichtlich der fokussierten Handlungsräume erweisen sich Rahmen- und Binnenhandlungs-raum als weitgehend deckungsgleich.“ (S. 42).

Karte 2a: Peter Schneider Der Mauerspringer (1982) Rahmenhandlungsebene © Karte: Giannina Widmer

Karte 2a: Peter Schneider Der Mauerspringer (1982) Rahmenhandlungsebene © Karte: Giannina Widmer

Karte 2b: Peter Schneider Der Mauerspringer (1982) Binnenhandlungsebene © Karte: Giannina Widmer

Karte 2b: Peter Schneider Der Mauerspringer (1982) Binnenhandlungsebene © Karte: Giannina Widmer

Des weiteren hält die Verfasserin fest, dass Schneider zahlreiche Toponyme zur Modellierung seines Handlungsraums einsetzt – eines Handlungsraums, der an keiner Stelle vom Georaum abweicht, ganz im Unterschied zum zuvor besprochenen Text von Uwe Johnson.

Im Sinne eines Ausblicks auf die Möglichkeiten quantitativ-statistischer Untersuchungen widmet sich die Autorin abschliessend einem erweiterten Textcorpus von insgesamt 16 Mauer- und Wendetexten. Dabei geschieht die Kartierung „unter vergleichendem Blickwinkel im Bewusstsein, dass eine andere Textauswahl unter Umständen andere Kartenbilder ergeben hätte.“ (S. 82). Die Textgruppen werden hinsichtlich zweier Aspekte untersucht, die bereits in den Einzeltextanalysen als Strukturmerkmale aufgetaucht sind: Subterrane Örtlichkeiten und Transformationen/Remodellierungen des Georaums. Dabei gelingt es der Autorin, die einzelnen Lektüren nun in griffige Gesamtschauen münden zu lassen:

„Ist in den Mauertexten eine Bewegungstendenz nach oben festzustellen, so dringen die Figuren der beiden diskutierten Wenderomane nach unten, in verborgene Schichten (vor)“ (S. 90)

­– und zwar im eigentlichen wie auch im übertragenen Sinne. Das Kartenbild 5 macht deutlich, dass die subterrane Dimension überwiegend von den Wendetexten eröffnet wird, wobei es vor allem die U-Bahn-Linien sind, „die zu Orten des Geschehens werden.“ (S. 92). Auch hält die Autorin fest, dass „nur wenige unterirdische Schauplätze punktgenau verortet werden, vielmehr tritt das Subterrane an sich als Raum in Erscheinung, der mit der Grenze eng verknüpft ist.“ (S. 95).

Karte 5: Subterrane Schauplätze und Handlungszonen © Karte: Giannina Widmer

Karte 5: Subterrane Schauplätze und Handlungszonen © Karte: Giannina Widmer

Auch für das Themenfeld Transformation und Remodellierung kann die Autorin mit überraschenden und neuen Einsichten aufwarten:

„Eine Erfassung der in den 16 ausgewählten Texten auftretenden Remodellierungen des Georaums (Karte 6) führt überdeutlich vor Augen, wie stark die Stadttopographie Berlins ist. Topographische Abweichungen und Modifikationen innerhalb des Realraums sind nur ganz vereinzelt auszumachen, und zwar allesamt nach der Wende. Zwei der drei Fälle von Transformationen betreffen dabei in der Tat den Potsdamer Platz.“ (S. 97).

Karte 6: Remodellierung des Georaums © Giannina Widmer, Basel

Karte 6: Remodellierung des Georaums © Giannina Widmer, Basel

Download Masterarbeit_[1 MB]

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