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Abb. 1:  Hans Becher: Murmeljagd (1969), Figurenraum mit Projektionsauslösern (Triggern) = violette Pfeile; Karte: ©Andreas Bäumer, Basel

Modellstudie Engadin

„Das Engadin als literarisierte Landschaft. Literaturgeographische Untersuchungen zum Verhältnis von Text und Raum“

von Andreas Bäumler (Masterarbeit, Universität Basel, 2011)

Die vollständige Arbeit ist am Ende des Artikels als Download verfügbar.

Die Studie basiert in Teilen auf Konzepten aus Barbara Piattis „Die Geographie der Literatur“ (2008) und Kategorien aus dem „Literarischen Atlas Europas“. In diesem Rahmen entfaltet Andreas Bäumler eine Reihe äusserst kreativer Deutungen, von denen einige als neuartige, wichtige Impulse im Feld der Literaturgeographie bewertet werden müssen.

Auszüge aus dem Gutachten von Barbara Piatti:

Im Zentrum der Untersuchung stehen vier Prosa-Texte, die u.a. im Engadin spielen. Erklärtes Ziel ist die „Gewinnung von Erkenntnissen bezüglich der Beziehung zwischen textuellem und empirischen Raum“. Dies wird in einem gelungenen Wechselspiel von Visualisierungen (Karten und Schemata) und Kommentaren realisiert.

Der Autor entscheidet sich bewusst für vier Texte, die eine in jeder Hinsicht heterogene Zusammenstellung ergeben:

„Mit Cla Biert ist ein rätoromanisch und deutsch schreibender Engadiner Lokalautor, mit Hans Boesch ein Schweizer, mit Tim Krohn ein in der Schweiz lebender deutscher und mit Ulrich Becher ein ins Exil geflüchteter deutscher Autor vertreten. Es sind also Bewohner und Besucher des Engadins repräsentiert, bei denen sowohl der lebensweltliche Hintergrund wie der Rezeptionsradius ihrer Texte sehr verschieden ist.“

Was der Autor in vier eingehenden Lektüren auf fast 60 Seiten ausbreitet, ist von hoher wissenschaftlicher Qualität.   Es gelingt ihm, ganz nah an den Texten zu bleiben und gleichzeitig literaturkartographische Instrumente einzusetzen, die auf Reduktion, ja Abstraktion von Inhalt abzielen – ein schwieriger Balanceakt, dessen Bewältigung nicht selbstverständlich ist, hier aber zu äusserst produktiven Denkprozessen führt.

Im Falle von Ulrich Bechers „Murmeljagd“ (1969) ist es die vom Autor als „Triggering“ bezeichnete Funktion von Schauplätzen: Einzelheiten dieser Orte, an denen sich die handelnde Figur gerade aufhält, lösen Erinnerungswellen aus. Über gewisse geographische/topographische Ähnlichkeiten wird die Hauptfigur, der schwer kriegstraumatisierte Trebla, zurück in die Vergangenheit katapultiert, in einen „projizierten Raum“ (gemeint ist mit diesem Begriff: eine Projektion der Figurenpsyche). Das Val Roseg „triggert“ das Val Piave, in dem Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges stattgefunden haben. Der Autor untermauert diese Beobachtung mit Überblendungen von zwei Kartenausschnitten (Schauplatz + projizierter Ort), die sich als überraschend deckungsgleich erweisen.

„Durch die Kartierung der besprochenen Szene wird ersichtlich, dass gewisse landschaftliche Elemente zur Einführung der Projektion notwendig sind und dass der Moment des Triggerings direkt von geographischen Bedingungen abhängt. Die projizierte Ebene kann topographisch, wie in der oben erwähnten Val Roseg-Szene, in den Schauplatz ‚eingefügt’ werden.“

Noch schlagender erscheinen die Parallelen beim nächsten „Triggering“: Hier fallen das Ufer des St. Moritzer Sees, dem der Protagonist im Auto entlang fährt, in eins mit den  Buchten des Schwarzen Meeres, entlang der Küste Rumäniens. Beim Durchbrechen einer Nebelwand auf der Höhe von Silvaplana „findet das Triggering statt: Die Fahrt wird zum Flug, das Fahrzeug zum Flugzeug, der Fahrer zum Piloten, das Horizontale zum Vertikalen. Der projizierte Raum befindet sich hoch in der Luft, „tief, tief unten“ das Schwarze Meer und die rumänischen Küstenstädte Constanta und Sulina.“. Nochmals gehäuft erscheint die Funktion des Triggerings in Karte 2.7 – durch Licht, Geräusche, Gebäude, Klänge werden hier in rascher Folge Projektionen ausgelöst (siehe Abb. 1). Der Autor kommt zum bildhaft einleuchtenden Schluss, dass sich „die Ebene der Handlungszone statisch ist, während sich die Projektionsebene sprunghaft bewegt“. Handlungskonstitutiv ist damit neben der Bewegung im Raum, auch die Bewegung von Raum.

Abb. 2: Textchronologischer Aufbau des Handlungsraums von Cla Bierts Die Wende (1962); Karte: © Andreas Bäumler, Basel

Für Hans Boeschs „Der Kreis“ (1998) zeigt der Verfasser mit Hilfe zweier Karten und einem erläuternden Kommentar, wie die Raumkonstitutionen in diesem Roman funktioniert: Es handelt sich um den klassischen Fall einer Rahmen- und Binnenerzählstruktur, im Bergdorf Bever findet die Rahmenhandlung statt (in einer Gaststube werden Geschichten erzählt), die Binnenerzählungen bzw. deren Schauplätze sind dagegen global verstreut. In einer Art Kamerafahrt, Schnee und Wind folgend, „umkreist der Text den eurasischen Erdteil, um schlussendlich wieder in Bever zu landen.“ (Abb. 2) Ein „Schwall von topographischen Markern“ ist auf der Karte zu sehen. Viele dieser Marker gehören gar nicht unmittelbar zum Figurenraum, sondern liegen ausserhalb. Sie tragen aber in ihrer Gesamtheit dazu bei, „den Mikroschauplatz der Gaststube in Bever als Zentrum der Textwelt zu inszenieren.“ – später verwendet der Verfasser auch die treffende Umschreibung „Nabel der Welt“. Diese These wird von einer zweiten Karte gestützt, die den allmählichen Aufbau des Handlungsraums durch einen Farbverlauf visualisiert. Am Anfang werden die Toponyme, das zeigt die Karte deutlich, in schneller Folge eingeführt, rasch spannt sich der erzählte Raum zwischen Bergün Maloja und Poschiavo auf. Der Verfasser leitet daraus eine Art „Zwiebelschalenmodell“ ab, er teilt die Fülle der Toponyme und Referenzen auf den Georaum hin in drei Raumebenen ein: Erstens der Mikroschauplatz Bever als Ort der Rahmenhandlung, zweitens die projizierten Erinnerungsräume (Bergün, Poschiavo, Venedig) und drittens der alles umschliessende, durch topographische Marker abgesteckte Handlungsraum (Welt). „Das beschauliche, unscheinbare Bergdorf Bever fungiert als Nullpunkt der Nord-Süd-Achse und zugleich als Mittel- und Ausgangspunkt vielschichtiger Kreisbewegungen, durch die der Leser die Welt erfährt“.

Für alle vier Textlektüren sind mehrere, teils ganz neuartige Karten entworfen worden. Sie zeugen von ebenso viel konzeptuellem Können wie graphischem Gespür. Für einige Probleme, die in literaturgeographischen Projekten immer wieder als Desiderat benannt werden, hat der Verfasser sogar erste Lösungsvorschläge zur Hand: Etwas, was in der Literaturgeographie, wenn überhaupt, erst in Form von Kartenserien (oder dann als Animation bzw. Film)  darstellbar ist – nämlich der (text)chronologische Aufbau eines Handlungsraumes, ist vom Autor in Form eines Farbverlaufs realisiert worden. Im Falle von Cla Bierts „Wende“ erscheinen jene Schauplätze gelb, die am Anfang des Romans eingeführt werden, rot jene, die eher gegen Ende eine Rolle spielen (Abb. 3). Das Auge des Lesers, der Leserin ist so mühelos in der Lage, der allmählichen räumlichen Konstituierung zu folgen, ohne dass es einer aufwendigen Animation/einer filmischen Technik bedarf.

Abb. 3: Gesamthandlungsraum von Hans Boeschs Der Kreis (1998); Karte: © Andreas Bäumler, Basel

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