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Arthur Phillips: Prague

Erinnerungen, Träume, projizierte Orte

Projizierte Orte – Erinnerungen, Träume, Sehnsüchte  am Beispiel Prag

von Barbara Piatti

Literatur weist einen besonderen Reichtum an projizierten Orten auf. Definiert sind diese im „literarischen Atlas Europas“ als Räume, die von den Figuren nicht unmittelbar „betreten“ werden, sondern im Modus von Träumen, Erinnerungen, Sehnsüchten in effektiven Handlungsräume eingeblendet. Man kann mit Gewissheit sagen, dass sie eine der wichtigsten literarischen Raumkategorien darstellen, denn sie sind als ein genuin literarisches Konzept aufzufassen – keine andere Kunst (vom Film einmal abgesehen) verfügt über ein solches Spektrum an Möglichkeiten, projizierte Räume bzw. Übergänge von Schauplätzen zu projizieren Räumen oder umgekehrt zu gestalten. In Flauberts Madame Bovary träumt die Titelheldin in der normannischen Provinz von Paris. Auch Max Frischs Montauk ist ein gutes Beispiel: Während die elegische Haupthandlung in New York und auf Long Island angesiedelt ist, besteht das Erzählte über weite Strecken aus Rückblenden, Erinnerungsfragmenten des Ich-Erzählers, durch die Schweizer Gegenden und Orte wie das Tessin und Zürich gewissermaßen in die Haupthandlung ‚hereingeholt’ werden.

Ein schönes Beispiel für unsere tschechische Modellregion innerhalb des „literarischen Atlas Europas“ ist Arthur Philipps Roman Prague (2003) – keine einzige Handlungssequenz spielt im titelgebenden Prag, alle Figuren halten sich im Budapest der Nach-Wende-Zeit auf, doch ihre Gedanken sind ganz auf Prag fixiert.

Alle fünf Protagonisten, junge, exzentrische College-Studenten, scheinen die Meinung zu teilen, dass erst in Prag – dem Ziel all ihrer Sehnsüchte – Erfüllung sie erwarte. Eine solche paratextuelle eingefädelte Konstruktion hat natürlich Einfluss auf die Lektüre des Romans. Die magische Städtevokabel „Prag“ markiert den Horizont nicht nur für die Figuren, sondern (seit der erste Blick den Umschlag des Buches gestreift hat) auch für die Lesenden – und so ist die konsequente Erwartungshaltung während des gesamten Leseaktes, dass die Protagonisten, oder zumindest einer davon, nach Prag aufbrechen werden: „Dort wird das wahre Leben beginnen, am Ende dieser Fahrt“[1].

Es ist der Schluss des Romans, der die Sehnsucht erfüllt: Eine der Hauptfiguren, John, schafft den Aufbruch, aber er landet keineswegs in einem realen Prag, das der architektonisch-atmosphärischen Konkretheit Budapest, wie sie einem im Roman begegnet, in irgendeiner Weise entsprechen würde. Vielmehr wird zunächst in einmaliger, traumsequenzartiger Weise die letzte Strecke geschildert, vor dem Erreichen des ersehnten neuen Ziels: Der Zug fährt immer im Kreis. Nachdem er in immer rascherer, gerader Linie von einer Welt zur anderen gefahren ist, fährt er plötzlich langsamer, fährt in unmerklich kleiner werdenden Kreisen spiralförmig immer um seinen Zielort herum, und John stellt sich vor, er sei dazu verurteilt, immer und ewig die unendlichen Aussenbezirke zu durchqueren, eine graue Zwischenwelt des Beinahe-Dort-Seins[2].

Der Status der Projektion bleibt bis zum Schluss erhalten, ja wird paradoxerweise sogar verstärkt, je mehr die geographische Distanz schrumpft. So wird das Ende des Romans bewusst in der Schwebe gehalten, die Ankunft Johns gar nicht erst geschildert. Die letzten Zeilen lassen zwischen ihm und der Goldenen Stadt eine fortwährende Distanz erahnen, ein Nie-Ankommen-Können, wie es sich für Traum- und Sehnsuchtsorte gehört.

Und dies deckt sich wiederum mit dem „Mythos Prag“, wie ihn Claudio Magris so eindringlich beschreibt: „Der Zauber Prags als etwas Undefinierbares und nur Andeutbares ist der Zauber einer Sehnsucht, die sich dem Leben zuzuwenden glaubt, – einem Leben, das immer als vergangen und verloren erscheint und nie in der Gegenwart erfasst und erlebt wird [...].“[3] Und noch deutlicher: „Der Prag-Mythos stellt eine Art Sehnsucht der Sehnsucht dar, das Nachtrauern nach einem bloßen Papiergebilde, das die Geschichte bereits zerrissen hat und das man in Wirklichkeit nie besessen hat.“[4]

Bruce Chatwins Utz und Vichy
Abb. 2: Projizierte Räume (violett) und Schauplätze (rot) des Textes: Bruce Chatwin: »Utz«

Abb. 2: Projizierte Räume (violett) und Schauplätze (rot) des Textes: Bruce Chatwin: »Utz«

Schon auf der Ebene eines einzelnen Textes kann das Abrufen einer „Geographie der projizierten Orte“ sehr erhellend sein. Bruce Chatwins Roman „Utz“ (1988), in dessen Zentrum der gleichnamige, verschrobene Porzellansammler steht, der von einem amerikanischen Experten besucht wird (noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs), spielt auf der Schauplatzebene fast ausschliesslich in Prag. Nimmt man aber die – zahlreichen – projizierten Orte hinzu, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Zwar findet in Prag die Haupthandlung statt, aber Utz’ Geschichte(n) und die Geschichte des Ich-Erzählers knüpfen quer durch Europa und sogar global ein dichtes Netzwerk von Orten, die innerfiktional nur über die Imagination zu erreichen sind (Abb. 1).  Zu den ausführlich elaborierten projizierten Orten gehört z.B. der französische Kurort Vichy. Diesen imaginiert Utz zunächst und knüpft allerlei Vorstellungen daran: „Von russischen Romanen oder der Liebesgeschichte seiner Eltern in Marienbad her, hatte Utz die Vorstellung, daß eine Kurstadt ein Ort sei, an dem unweigerlich das Unerwartete eintreffe.“[5] In der Folge reist er tatsächlich zu einem Kuraufenthalt nach Vichy, das somit seinen Status ändert und zu einem Schauplatz wird  (auch das ein interessantes und noch kaum untersuchtes Thema – die Funktionswechsel zwischen räumlichen Kategorien innerhalb einer Fiktion).  


[1] Arthur Philipps: Prag. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sigrid Ruschmeier. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2003, S. 529 (die Originalausgabe ist unter dem Titel Prague 2002 bei Random House, New York erschienen).
[2] Ebd., S. 529.
[3] Magris, Claudio: „Prag als Oxymoron“. In: Neohelicon, Vol. 7, Nr. 2 (1979), S. 11-65, hier: S. 12.
[4] Ebd., S. 14.
[5] Bruce Chatwin: Utz (1988). Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2002, S. 80.
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