RSS
Reuschel_Muenchen

Ein Literarischer Atlas Europas

Anne-Kathrin Reuschel
Ein literarischer Atlas Europas

➔ mit Download am Ende der Seite

Zusammenfassung: Einen digitalen, interaktiven literarischen Atlas Europas zu entwickeln ist das Ziel eines interdisziplinären Projektes von Kartographen und Literaturwissenschaftlern an der ETH Zürich. Die zentrale Frage, wo Literatur spielt und welche Wechselwirkungen der literarische Raum mit dem realen Raum eingeht, soll mit Hilfe von kartographischen Visualisierungs- und Auswertemethoden gezeigt werden. In diesem Beitrag steht die Datenerfassung und die automatisierte Visualisierung der literarischen Räume im Vordergrund. Da die Geographie der Literatur ganz andere Charakteristika aufzeigt als die reale Welt – Literarische Räume sind lückenhaft, nicht präzise abzugrenzen, häufig schwierig zu lokalisieren und können beliebig transformiert und re-modelliert werden – müssen adäquate Visualisierungen entwickelt werden, welche die natürlichen Eigengesetzlichkeiten  der literarischen Räume angemessen widerspiegelt.

»nicht abgrenzbare Handlungsräume« und »schwer lokalisierbare Räume« und die Herausforderung diese zu kartieren (ein Auszug):

(a) In den meisten Fällen lassen sich geographische Räume in der Literatur nicht abgrenzen. So handelt es sich bei der Beschreibung eines Handlungsortes für geographische Verhältnisse oft um unpräzise Beschreibungen oder diese beziehen sich auf unpräzise geographische Konzepte wie »Tal«, »Dünen« oder »Wald« (siehe auch Bennett (2001), Montello (2003), Egenhofer (1995)). Handlungen finden demnach beispielsweise am »Ufer eines Flusses« statt, in den »verwinkelten Gassen der Altstadt« oder »auf den ersten Hängen des Gebirges«. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass die aufgenommenen Geometrien eher einen skizzenhaften Charakter besitzen, den jeder Literaturwissenschaftler selbst nach genauer Textanalyse unterschiedlich digitalisieren würde. [...]

Die visuelle Umsetzung von Handlungsräumen ohne genaue Abgrenzung wurde durch sogenannte »fuzzy shapes« realisiert. Fuzzy shapes entstehen durch eine Einfärbung von Gebieten, die mit zunehmender Entfernung vom Zentrum allmählich verblasst. Unregelmäßige Flächen werden durch unscharfe Abgrenzungen charakterisiert. Nur durch einen Punkt markierte Räume bekommen je nach administrativer Wichtigkeit eine Ausdehnung, welche als »fuzzy points« umgesetzt werden.

(b) [...] Sind Objekte zwar abgrenzbar wie beispielsweise ein Haus, aber nur ungenau im Raum lokalisierbar sprechen wir von schwer lokalisierbaren Räumen. Typische Beschreibungen sind beispielsweise Handlungen in einem „Restaurant in der Altstadt“ oder in einem »Haus in der Stadt meiner Kindheit«.  In diesen Fällen wurde ebenfalls die mögliche Fläche wo sich dieses Gebäude befinden könnte in die Datenbank aufgenommen, zusätzlich zu der Information, dass es sich um eine abgrenzbare Räumlichkeit handelt. Auf der Karte wird hier ein Punktsymbol verwendet, welches den begrenzten kleinen Raum darstellt. Ausgehend von diesem Symbol wird die zugrunde liegende Fläche durch sich strahlenförmig ausbreitende, zum Flächenrand hin verblassende Linien schemenhaft skizziert. [...]

siehe Abbildung oben: (a) nicht abgrenzbare Handlungsräume in der »Neustadt« und auf der »Kleinseite« (b) schwer lokalisierbare Objekte: eine »kleine Stube«, der »Palast des Erzbischofs« und eine »Wohnung« der Hauptfigur in der Altstadt

A.K.Reuschel (2011), B.Piatti: »Ein Literarischer Atlas Europas« In: Geoinformationssysteme, Prof. Dr. M. Schilcher (Hrsg.), Beiträge zum 16. Münchner Fortbildungsseminar, abcverlag ➔ Download [3.5 MB]

Hinterlasse einen Kommentar