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Datenmodell

Organisation des Fiktionalen Raumes

Wenn es um die eigentliche Analyse des Textraumes geht, sprechen wir vom Fiktionalen Raum. Dieser allgemeine, erzähltheoretische Begriff kombiniert Funktionen aller räumlichen Objekte. Eine Differenzierung wird zwischen fünf räumlichen Objekten vorgenommen:

Schauplatz: an diesem findet die Handlung statt, die Figuren sind anwesend

Projizierte Räume: Figuren sind nicht anwesend, es handelt sich um Erinnerungs-, Sehnsuchts- oder Traumorte innerhalb der Fiktion

Handlungszone: Zusammenschluss mehrerer Schauplätze oder Projizierter Räume

Topographischer Marker: bloß erwähnter Raum, Ort; ohne dortigen Aufenthalt der handelnden Figuren; topographische Marker stecken den weiteren geographischen Horizont einer Fiktion ab

Wege: Strecken, auf denen sich die handelnden Figuren durch den fiktionalen Raum bewegen; Verbindungen zwischen einzelnen Schauplätzen und Handlungszonen

Daten Modellierung
Abbildung 1: Datenmodell schlüsselt den fiktionalen Raum in einzelne räumliche Objekte auf.

Abbildung 1: Datenmodell schlüsselt den fiktionalen Raum in einzelne räumliche Objekte auf.

Um für den »Literarischen Atlas Europas« eine kohärente Datenbasis zu realisieren wurde eigens ein Datenmodell entwickelt. Die Datenbasis kann dabei in vier Teile strukturiert werden: Allgemeine Informationen zum Text -einschließlich Bibliographie und zugewiesener Modellregion – Daten über den Autor, die zeitliche Struktur der Handlung, und die räumlichen Objekte. Alle Teilbereiche können in der Datenmodellübersicht (Abb. 1) wiedergefunden werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Modellierung der räumlichen Strukturen des Textes – den komplexe räumliche Objekten. Alle räumlichen Einheiten, welche den geographischen Raum der Fiktionen und die komplexen räumlichen Strukturen bilden werden in dem Modell aufgeschlüsselt. Die geographische Information basiert auf die sogenannte Simple Features Specification. Schauplätze und Projizierte Räume mit ungenauen, transformieren oder schwer lokalisierbaren räumlichen Eigenschaften benötigen zusätzliche Attribute bzw. zusammengesetzte Geometrien um die fiktionale Welt adäquat visualisieren zu können. Das führt zu komplexen, attributieren räumlichen Daten. Das Datenmodel ist in einem relationalen Datenbank Managementsystem realisiert worden und wird mit dem online-Eingabeformular verbunden in denen die Literaturwissenschaftler ihre Textanalyse einfüllen können. Diese Datenbank dient als Basis für die automatisch erzeugten Karten des »Literarischen Atlas Europas«.

Konzept und Realisierung räumlicher Objekte am Beispiel »Schauplätze«

Schauplätze werden von uns definiert als Orte, an denen die Handlung stattfindet und die Figuren anwesend sind.

Die Art und Weise wie Schauplätze innerhalb der Fiktionen beschrieben werden, variiert allerdings von Text zu Text auch bei Bezug auf ein und demselben geographischen Raum erheblich.

Dabei ist festzustellen, dass sie ganz eigene, sich von den realen Orten abweichende Eigenschaften besitzen. Reuschel und Hurni (2011) identifizierten 5 Eigenschaften (Punkt 1. –  5.) welche den fiktionalen Raum zu etwas Einzigartigen machen, weshalb er konsequenterweise so schwierig zu erfassen und zu visualisieren ist. Diese Eigenschaften wurden für den fiktionalen Raum als Ganzes entwickelt, können aber ohne Weiteres auf die Hauptkategorie – den Schauplätzen – transferiert werden. Einige weitere Charakteristika, welche spezifisch für Schauplätze sind, wurden hinzugefügt (Punkt 6. – 8.). Die folgende Auflistung fasst sie zusammen:

  1. Schauplätze beschreiben nur räumliche Fragmente, der fiktionale Raum wird erst durch die individuelle Vorstellung des Lesers vervollständigt
  2. Schauplätze haben ungenaue, vage Abgrenzungen. Sie beziehen sich nicht unbedingt auf physische oder natürliche oder künstliche Grenzverläufe.
  3. Schauplätze sind manchmal schwierig zu lokalisieren, was zu unklaren, oftmals großflächigen Verortungen führt.
  4. Das räumlich reale Gegenstück eines Schauplatzes kann in einer beliebigen Zeitepoche liegen; im Laufe der Jahre kann sich die Topographie massiv verändert haben.
  5. Schauplätze können vom Autor bewusst verändert oder umgestaltet worden sein; am Anfang der Fiktion oder erst im Laufe des Textes.
  6. Der geographische Umfang eines Schauplatzes bzw. des fiktionalen Raumes kann variieren von einem Raum innerhalb eines Gebäudes, bis hin zu internationalen oder weltweitem Niveau. (Theoretisch sind auch galaktische Ausdehnungen wie man es aus Sciencefiction kennt möglich.)
  7. Die Dichte von Schauplätzen innerhalb eines Textes variiert zwischen vereinzelten, extrem verteilten räumlichen Beschreibungen und gehäuften, stark verdichteten Beschreibungen.
  8. Schauplätze haben unterschiedliche Funktionen: neben der Kulissenfunktion können sie beispielsweise metamorphorische Funktionen haben, oder sie werden dazu genutzt eine ganz bestimmt Stimmung zu erzeugen.

Ein genauerer Blick auf die Umsetzung aller Eigenschaften in das Datenmodell der Schauplätze (die Hauptkategorien aus denen die Geographie der Fiktionen zusammengesetzt ist) wird in Abbildung 2 dargestellt. Wir unterscheiden zwischen zusammengesetzten und einzelnen Schauplätzen. Letztere können weiter kategorisiert werden als genau, ungenau oder unbestimmte Objekte. Außer in den Fällen, in denen ein Schauplatz unkartierbar bleibt, besitzen alle Objekte eine Geometrie (Simple Feature Geometry) und beschreibende Attribute. Unkartierbare Schauplätze beinhalten nur beschreibende Attribute, aber können nicht auf der Karte abgebildet werden oder für eine räumliche Analyse genutzt werden, wegen der fehlenden Geometrie. Wenn der Schauplatz vom Autor verschoben wurde (d.h. in der Realität befindet sich der beschriebene Schauplatz offensichtlich an einer anderen Stelle), kann dies durch eine zusätzliche Geometrie angegeben werden, die in einem separaten Objekt abgespeichert wird (im Datenmodell unter «geometrically transformed Settings» zu finden). Im Gegensatz zu gewöhnlichen geographischen Modellen, wo Eigenschaften (Attribute values) immer an einer Entität gebunden sind, sind literaturgeographische Eigenschaften nicht zwangsweise an dem einzelnen Schauplatz Objekt gekoppelt, sondern an den Text als Ganzes. Das ist beispielsweise der Fall, wenn eine Eigenschaft – z.B. eine mythische Konnotation – nicht an einem einzigen speziellen Ort festgemacht werden kann, sondern die Gesamtanalyse des Textes; das Vorhandensein verschiedenster Anzeichen und Schauplätze eine mythische Assoziation hervorruft. In diesem Fall erben alle räumlichen Objekte die Eigenschaft von im Modell übergeordneten Textobjekt.

    Abbildung 2: Daten-Modellierung der literarischen Kategorie: Schauplatz

Abbildung 2: Daten-Modellierung der literarischen Kategorie: Schauplatz

Bemerkungen: Text (übersetzt aus dem englischen) und Abbildungen wurden aus einer eingereichten Publikation entnommen: Reuschel et al. (2012), Modelling uncertain Geodata for “A Literary Atlas of Europe” (working title, paper submitted)