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Projektbeschreibung

Ausgangslage

Europa verfügt über einen immensen Reichtum an fiktionalisierten Landschaften und Städten, also Orten, die in der Literatur zu Schauplätzten geworden sind. Ein literarischer Atlas verzeichnet solche Handlungsräume von Romanen, Novellen, Erzählungen, Balladen, Dramen und macht so die spezifische Geographie der Literatur sichtbar:

Wo spielt Literatur und weshalb spielt sie dort? Wie nutzt, überformt, verfremdet oder re-modelliert sie – über mehrere Epochen – bestehende geographische Räume? Und wie lassen sich solche fiktionalisierten Landschaften und Städte, darstellen und deuten?

Um diese Fragen zu beantworten, wird ein interaktives, datenbankgestütztes System (ein Atlasinformationssystem für Literatur), entwickelt, das kartographische Werkzeuge mit Textinterpretationen verknüpft. Das System erlaubt detaillierte Analysen von mit Fiktionen besetzten Räumen, ermöglicht vergleichende Betrachtungen und eröffnet damit der Literaturgeschichtsschreibung neue Fragehorizonte.

Projektaufbau

Ausgangspunkt des »Literarischen Atlas Europas« (Prototyp) sind vorläufig drei, literarisch reich befrachtete Modellregionen mit höchst unterschiedlichem Charakter: Prag als urbaner Raum, Nordfriesland als Küsten- und Grenzregion und das Gebiet Vierwaldstättersee/Gotthard als Gebirgslandschaft. In einem ersten Schritt sind Fiktionen (»fiction« im engeren Sinne, also Romane, Novellen, Kurzgeschichten, Legenden etc.) gesammelt und bibliographiert worden: Erzählende Texte (von ca. 1750 bis in die unmittelbare Gegenwart), die in den genannten Gegenden spielen, sie also zu einem literarischen Schauplatz machen.

Um die drei Modellregionen unter literaturgeographischen Gesichtspunkten präzise untersuchen, kartographisch darstellen und anschließend miteinander vergleichen zu können, ist gleichzeitig eine speziell auf diese Zielsetzungen ausgerichtete Datenbank entwickelt worden. Damit verknüpft ist ein umfangreiches, teilstandardisiertes online-Eingabeformular, das den Literaturwissenschaftlern eine intuitiv-geführte Dateneingabe ermöglicht – die  Handlungsräume werden auf einer Karte skizziert und thematisch beschrieben bzw. mit Attributen versehen. Dies setzt natürlich eine vorgängige sorgfältige Lektüre voraus, nach allen Regeln der Kunst. Es geht dabei z.B. um Parameter wie Lokalisierbarkeit:Sind die Schauplätze genau lokalisierbar, bloß zonal eingrenzbar oder ist ihre Lage gänzlich unbestimmt? Oder um Funktion: Erfüllt der Schauplatz reine Kulissenfunktion oder »greift« er in die Handlung ein, übernimmt er sozusagen eine protagonistische Funktion, etwa im Falle von Lawinen, Erdrutschen, Erdbeben, Überschwemmungen? Ist eine direkte Referenz auf einen Realraum nachweisbar, oder bedient sich der Autor, die Autorin der Technik der »indirekten Referentialisierung«?

Letzteres bedeutet, dass ein bestehender Ort im Text nicht einfach benannt, sondern durch Beschreibung und Umgebung identifizierbar wird. Sind die räumlichen Einheiten und die dazugehörigen Attribute gespeichert, können (fast beliebige) Abfragen an das System gestartet werden. Aus den extrahierten Daten entsteht so ein Atlas-Informationssystem für Literatur, das eine vielfältige thematische und räumliche Analyse der Daten ermöglicht. Die Resultate der Abfragen werden als Prototypen-Karten oder GIS-Visualisierungen[1] ausgegeben, basierend auf einem neu entwickelten Symbolisierungsset, sowohl für die Einzelobjektkarten wie auch für die statistischen Untersuchungen. Die auf Abruf generierten Karten und Visualisierungsmodelle werden dabei keineswegs als ergänzende Illustrationen, sondern als zentrale Interpretationsinstrumente verstanden – auf ihnen sind im Idealfall Aspekte und Zusammenhänge zu entdecken, die bislang im Verborgenen lagen.


[1] GIS = Geographisches Informationssystem (oder Geographical Information System). Die Standarddefinition im deutschsprachigen Raum lautet: „Ein Geo-Informationssystem ist ein rechnergestütztes System, das aus Hardware, Software, Daten und den Anwendungen besteht. Mit ihm können raumbezogene Daten digital erfaßt und redigiert, gespeichert und reorganisiert, modelliert und analysiert sowie alphanumerisch und grafisch präsentiert werden.“ (Ralf Bill/Dieter Fritsch: Grundlagen der Geo-Informationssysteme, Bd. 1, Heidelberg 21994, S. 5). Über räumliche Analysemöglichkeiten können aus den abgelegten Daten neue Informationseinheiten generiert werden. Damit lassen sich Zusammenhänge oft besser erkennen als mit anderen Mitteln.