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Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Das Ziel eines funktionierenden »Literarischen Atlas Europas« ist für keine der beiden beteiligten Disziplinen im Alleingang zu erreichen. Nur durch ständige gegenseitige Bezugnahme und laufende Korrekturprozesse von Literaturtheorie und kartographischer Praxis kann das erst vage abgesteckte Feld der Literaturkartographie schärfere Konturen gewinnen. Der gemeinsame theoretische Bezugsrahmen setzt sich dabei aus verschiedenen Bereichen zusammen: Im Zentrum sind die bisherigen literaturkartographischen Versuche zu situieren. Um aber die offensichtlich beschränkten Möglichkeiten zu erweitern, ist die Literaturkartografie auf Beiträge der Fiktions- und Erzähltheorie angewiesen. Die Kartographie findet geeignete Impulse z.B. im Gebiet der uncertainty visualisation, die gerade dabei ist, sich als Oberbegriff für eine Reihe neuer Visualisierungsansätze und Themenbereiche zu etablieren. Aus diesen disparaten Elementen muss sich im Laufe des Entwicklungsprozesses erst eine gemeinsame Theorie bilden. Ein Vorbild, auf das man sich explizit beziehen könnte, existiert nicht.

Aufgabenbereiche

Die Aufgabenbereiche sind klar strukturiert, wobei es selbstredend immer wieder zu Schnittstellen kommt. Genau dort wird konzeptuelles Neuland betreten, werden die eigentlichen Forschungs-leistungen erbracht.

Literaturwissenschaftler, Literaturwissenschaftlerinnen:

Sie sind für den konzeptuellen Aufbau zuständig und entwickeln Kategorien, Terminologien und nicht zuletzt die literaturgeographisch sinnvollen Fragestellungen. In ihren Händen liegt die Textauswahl, die Textlektüre und -interpretation, anschliessend die Eingabe der Daten in die Datenbank (via online-Eingabeformular), inklusive Korrektur- und Ergänzungsphase. Schliesslich sind sie für die Kommentierung und Deutung der neu generierten Karten verantwortlich.

Kartographen, Kartographinnen:

Sie zeichnen für die komplexen technischen Belange verantwortlich, die ein interaktives Atlas Informationssystem mit sich bringt: Programmierung des online-Eingabeformulars, Programmierung und Unterhalt der Datenbank, Aufbereitung von Kartenmaterial für den digitalen Gebrauch (Hintergrundkarten), Koordination und Verknüpfung der verschiedenen Tools und Funktionen. Die zentrale Herausforderung liegt für sie in der Entwicklung graphischer Symbole und Metaphern zur optimalen Visualisierung literarischer »Parameter«, kurz: Zu ihren Kernaufgaben gehört die Darstellung dessen, was die Literaturwissenschaftler aus den Texten extrahieren.

Abb. 1: Arbeitsabläufe und Zuständigkeitsbereiche im interdisziplinären Projekt »Ein literarischer Atlas Europas«

Abb. 1: Arbeitsabläufe und Zuständigkeitsbereiche im interdisziplinären Projekt »Ein literarischer Atlas Europas«

Schnittstellen

Was immer von den Kartographen programmiert wird, muss von den Literaturwissenschaftlern in Testeingaben überprüft werden. Dabei geht es nicht nur um die technische Funktionsfähigkeit des Systems, sondern in erster Linie um die inhaltliche Logik. Bereits in der ersten Projektphase macht sich die produktive Spannung bemerkbar, die eine solche genuin interdisziplinäre Zusammenarbeit mit sich bringt: So benötigen die Kartographen in der Regel präzise Daten (oder zumindest Daten mit statistisch modellierbaren Unsicherheiten), während es gerade zum Berufsverständnis der Literaturwissenschaftler gehört, auf die Mehrdeutigkeit von Textinhalten – darunter auch der Schauplatzbeschreibungen – zu pochen. Konkret heisst das: Literarische Texte setzen sich buchstäblich zur Wehr, wenn sie in herkömmlicher Weise kartiert werden sollen. Hier geht es um die gemeinsame Suche nach unkonventionellen Lösungen.