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Forschungsgeschichte

Literaturgeographie und -kartographie haben eine über hundertjährige Tradition. Die bisherige Geschichte dieses international zu nennenden Arbeitsfeldes muss aber erst noch geschrieben werden (eine Skizze sowie eine Reihe von Kartenbeispielen finden sich in den Publikationen von Barbara Piatti (2008)[1] und Jörg Döring (2009)[2]).

Die Ausdrücke ‚Literaturgeographie’ bzw. ‚Literary Geography’ und ‚géographie littéraire’ tauchen im deutschsprachigen Raum sowie in England und Frankreich etwa zeitgleich auf: zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie der Name sagt, handelt es sich um eine methodische Anleihe aus einem fachfremden Gebiet. Folgerichtig versteht sich Literaturgeographie anfangs als eine Art Hilfswissenschaft der Literaturgeschichte und lässt sich, systematisch gesehen, in zwei Stränge gliedern: Der eine nimmt die Geburts-, Wohn- und Arbeitsorte von Schriftstellern zum Ausgangspunkt und versucht daraus regionale Besonderheiten einzelner literarischer Regionen abzuleiten, der andere – und das ist der hier vornehmlich interessierende – befasst sich mit literarisierten Landschaften und Städten. Allerdings ist zu betonen, dass sich die beiden Aspekte (der realgeographische Raum/Georaum als Aufenthaltsort von Autoren und/oder als Handlungsraum ihrer Fiktionen) oft decken und sich infolgedessen auch in der literaturgeographischen Praxis nicht strikt trennen lassen.

Die ersten Literaturgeographen, etwa J. G. Bartholomew in seinem Literary & Historical Atlas of Europe von 1910[3] oder Siegfried Robert Nagel in seinem 1907 erschienenen Deutschen Literaturatlas,[4] verzeichnen Autorenwohn- und Arbeitsorte. Auch Schauplätze aus einzelnen Werken werden bereits Thema, um die Korrespondenzen zwischen Georaum und fiktionalem Raum graphisch zu illustrieren (William Sharp[5] kartiert 1904 – grob – die schottischen Romanwelten von Walter Scott, André Ferré[6] entwirft 1939 eine Proust-Topographie). Trotz zahlreicher methodischer und graphischer Defizite haben diese Literaturgeographen der ersten Stunde durchaus richtige, soll heissen: ergiebige Fragen gestellt, und vieles, was von ihnen erprobt worden ist, ist heute noch als Fragestellung aktuell. Dazu gehören die Prinzipien der mehr oder weniger fruchtbaren literarischen Regionen, der Ballungs- und Zentrenbildung in gewissen Epochen und die Einsicht, dass Literatur ‚wandert’ – was einst, literarisch gesehen, Brachland war, kann zu einem späteren Zeitpunkt zu einem ‚hot spot’ der Literatur werden.

Nach diesen vielversprechenden Anfängen tritt – aus jeweils länderspezifischen Gründen – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Art Stagnation ein. Im deutschsprachigen Raum blockiert z. B. das „Nadler-Trauma“ die Entwicklung einer Literaturgeographie über Jahrzehnte. Nadlers berühmt-berüchtigte Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (1912ff.), in der der Autor, vor allem in der vierten Auflage (1938ff.), massive Zugeständnisse an die Ideologie des Dritten Reiches machte, diskreditierte sämtliche literaturtheoretischen Raumkonzepte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die räumliche Dimension der Literatur war buchstäblich tabu.[7]

Erst die späten 1990er Jahre bringen entscheidende methodische Impulse, die als Auftakt zu einer neuen Ära der Literaturgeographie bewertet werden können. Zweifellos ist es Franco Morettis Atlas of the European Novel (1998),[8] der als das bislang ambitionierteste Unternehmen in Sachen Literaturgeographie bezeichnet werden kann. Moretti formuliert darin das Credo, dass literaturgeographische Karten Instrumente der Interpretation sein müssen, sie müssen mehr zeigen, als sich ohne sie auch aussagen liesse. Unter dieser Prämisse setzt er eine stupende Vielfalt an Themen und Motivkreisen in Kartenbilder um, etwa die Geographie einer ganzen Gattung, beispielsweise der gothic novels zwischen 1770 bis 1840: Das Genre bzw. dessen Schauplätze siedeln sich zunächst in Italien und Frankreich an, um sich dann nach Deutschland zu verlagern, und schliesslich, um 1820, in Schottland anzukommen.Mängel gibt es durchaus; oft scheint die Textbasis sehr schmal zu sein, und eine grössere Textmenge hätte wohl die Resultate nicht ganz so eindeutig aussehen lassen. Dennoch müssen Morettis Beitrag sowie ergänzende Überlegungen, in denen er u. a. seinen Kritikern antwortet[9] als absolut bahnbrechend eingestuft werden. Sein Atlas wird zum Referenzwerk schlechthin, auf das sich alle darauf folgenden literaturgeographischen Versuche und Ausführungen beziehen.

Spatial Turn – Topographical Turn

In der Folge situiert sich dieses neu erwachte Interesse an geographischen und kartographischen Konzepten im übergreifenden Horizont einer „Wiederkehr des Raumes“. Erika Fischer-Lichte sprach bereits 1990 weitsichtig von einem „Shift of the Paradigm: From Time to Space“.[10] Diese Beobachtung wurde von Sigrid Weigel 2002 auf das Label „topographical turn“ zugespitzt.[11]

Topographie und Geographie sind dabei also, sich als neue literaturwissenschaftliche Paradigmen zu etablieren, wobei die diesbezüglichen Bemühungen noch eher unsystematischen Charakter haben. Allerdings gibt es durchaus Anzeichen für eine progressive Institutionalisierung des Gebietes, denn bei allen Unterschieden kann eine Vielzahl von Studien doch sinnvoll unter dem Begriff einer „Literaturgeographie“ subsumiert werden, darunter Modellstudien wie jene von Heinrich Detering zu Schleswig-Holstein,[12] von Armin von Ungern-Sternberg zum Baltikum,[13] von Dieter Lamping zur Grenzthematik[14] sowie der von Werner Frick zusammengestellte Sammelband Orte der Literatur.[15] Dazu gehören auch theoretische Grundlegungen wie etwa in den gewichtigen Tagungsakten Topographien der Literatur[16]und dann in rascher Folge bei Eric Bulson, Nils Werber, Robert Stockhammer und Bertrand Westphal, um nur einige der wichtigsten Beiträge zu nennen.[17] Alle diese Beiträge behandeln einzelne Aspekte der Literaturgeographie. Aber nicht von ungefähr verzichtet die Mehrzahl der Autoren auf eigene, neu entworfene Karten zu ihren Ausführungen und verwendet lieber gar kein oder dann bestehendes Material zur Unterstützung der Argumentation.

Literaturkartographie als Teil der Digital Humanities

In den letzten Jahren hat sich die Situation aber grundlegend verändert. Es gibt zwar seit den neunziger Jahren literaturwissenschaftliche und -literaturhistorische Forschungsprojekte, die datenbankgestützt und mit digitalen Karten arbeiten bzw. gearbeitet haben (die meisten dieser Projekte sind nicht weiterentwickelt worden),[18] aber digitale und animierte Kartographie, die Allianzen von Geisteswissenschaften und Datentechnologie, die schier endlosen Möglichkeiten insbesondere ab Web 2.0 haben die Optionen explodieren lassen. Stellvertretend seien hier „Mapping the Lakes“, „Mapping St. Petersburg. Experiments in Literary Cartography“ , „The Digital Literary Atlas of Ireland, 1922 – 1949“ sowie, „A Cultural Atlas of Australia: Mediated Spaces in Theatre, Film, and Literature“ erwähnt – dass es Schnittstellen zu anderen (narrativen) Künsten gibt, klingt im Titel des letztgenannten Projektes schon an, weswegen auch ein Forschungsprojekt wie Sébastien Caquards „Atlas cybercartographique du cinéma canadien“ für den Bereich Literaturkartographie von grossem Interesse ist (und vice versa); aktuelle literaturkartographische Experimente mit Google Maps sind in den Aufsätzen von Jörg Döring(2008) und Laura Peters (2011) dokumentiert, beide befassen sich mit dem Berlin-Fiktionen. Nicht zuletzt ist eine Popularisierung des Ansatzes im Gange durch Instrumente wie Google Lit Trips[19] und partizipatorische Internetservices wie z.B. „pinbooks. Dein Buch zur Stadt“, bei dem Leserinnen und Leser Bücher und deren Schauplätze geographisch verorten können. Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt ist „A Literary Map of Manhattan“, auf der New York Times-Leserinnen und Leser ihre Lieblingsbücher eingetragen haben.

Was sich ganz klar abzeichnet: Literaturkartographie ist eine genuine interdisziplinäre Herausforderung (links zu Page „interdisziplinäre Zusammenarbeit)“. Wirkliche Fortschritte sind nur in Aussicht, wenn Experten und Expertinnen aus Kartographie und IT in die Vorhaben miteinbezogen werden.

 


[1] Piatti, Barbara: Die Geographie der Literatur. Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien. Göttingen, 2008, S. 65-121.

[2]Döring, Jörg: Zur Geschichte der Literaturkarte (1907-2008). In: Jörg Döring und Tristan Thielmann: Mediengeographie. Theorie – Analyse – Diskussion. Bielefeld 2009, S. 247-290.

[3] Bartholomew, J. G.: A Literary & Historical Atlas of Europe. London 1910.

[4] Nagel, Siegfried Robert: Deutscher Literaturatlas. Die geographische und politische Verteilung der deutschen Dichtung in ihrer Entwicklung nebst einem Anhang von Lebenskarten der bedeutendsten Dichter. Wien 1907.

[5] Sharp, William: Literary Geography. London 1904.

[6] Ferré, André: Géographie de Marcel Proust. Avec index des noms de lieux et des termes géographiques. Paris 1939.

[7] Nadler, Josef: Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 4 Bände. Regensburg/Leipzig 1912 – 1932; Nadler, Josef: Literaturgeschichte des Deutschen Volkes. Dichtung und Schrifttum der deutschen Stämme und Landschaften. Bände. Berlin 1938 – 1941.

[8] Moretti, Franco: Atlas of the European Novel 1800 –

1900. London 1998 (das italienische Original ist ein Jahr früher, 1997, unter dem Titel Atlante del romanzo europeo 1800 – 1900 bei Einaudi, Turin, erschienen).

[9] Siehe Moretti, Franco: Graphs, Maps, Trees. Abstract Models for a Literary Theory. London 2005.

[10] Siehe Fischer-Lichte, Erika: «The shift of a Paradigm: From time to space? Introduction». In: Proceedings of the XIIth Congress of the International Comparative Literature Association, (Space and Boundaries), vol. 5, hrsg. von Roger Bauer et al., München 1990, S. 15-18.

[11] Siehe Weigel, Siegried: «Zum ‚topographical turn’. Kartographie, Topographie und Raumkonzepte in den Kulturwissenschaften». In: KulturPoetik 2,2 (2002), S. 151-165.

[12] Detering, Heinrich: Herkunftsorte. Literarische Verwandlungen im Werk von Theodor Storm, Friedrich Hebbel, Klaus Groth, Thomas und Heinrich Mann. Heide 2001.

[13] Ungern-Sternberg, Armin von: «Erzählregionen». Überlegungen zu literarischen Räumen mit Blick auf die deutsche Literatur des Baltikums, das Baltikum und die deutsche Literatur. Bielefeld 2003.

[14] Lamping, Dieter: Über Grenzen – Eine literarische Topographie. Göttingen 2001.

[15] Frick, Werner (Hrsg.): Orte der Literatur. Göttingen 2002.

[16] Böhme, Hartmut (Hrsg.): Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext. Stuttgart 2005.

[17] Bulson, Eric: Novels, Maps, Modernity: The Spatial Imagination 1850 -2000. London 2007; Stockhammer, Robert: «Einleitung». In: ders. (Hrsg.): TopoGraphien der Moderne: Medien zur Repräsentation und Konstruktion von Räumen. Paderborn 2005, S. 7-24; Stockhammer, Robert: Kartierung der Erde. Macht und Lust in Karten und Literatur. München 2007; Werber, Nils: Die Geopolitik der Literatur. Eine Vermessung der medialen Weltraumordnung. München 2007; Westphal, Bertrand: La Géocritique. Réel, Fiction, Espace. Paris 2007.

[18] Beispiele siehe Piatti, Die Geographie der Literatur (2008), S. 84-88.

[19] Siehe auch die materialreiche Dokumentation von Terence W. Cavanaugh und Jerome Burg: Bookmapping. Lit Trips and Beyond. Eugene/Washington: International Society for Technology in Education 2011