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Einzelobjektkarten

Karten für einzelne Texte und Objekte: Einzelobjektkarten

Basierend auf den Informationen und Daten, die in der Datenbank organisiert werden, können Visualisierungen sowohl für einzelne Objekte und Texte wie auch für statistische Oberflächen generiert werden – und zwar automatisch, on the fly (d.h. die Karten sind nicht als vorbereitete Bilddateien abrufbar, sondern werden jedesmal und je nach Nutzerwunsch neu generiert). Literarische Räume folgen ganz eigenen Gesetzen. Sie sind immer lückenhaft, denn sie werden im Text bloss durch einzelne Wörter und Wortgruppen markiert, der Rest wird durch die Phantasie der Lesenden aufgefüllt (ganz anders als in der Malerei oder im Film, wo ein Raumausschnitt komplett zur Ansicht gebracht werden kann). Sie haben zudem nur vage Grenzen und sie sind oft nicht genau lokalisierbar. Dazu kommen verschiedene Techniken der Transformation, etwa Umbenennungen von bestehenden Ortsnamen, Überblendungen und Verschiebungen. Insgesamt kann man also von einer ungenauen Geographie der Literatur sprechen – und dies bedeutet eine grosse Herausforderung für die Kartographie. Um die oben genannten Spezifika literarischer Schauplätze abbilden zu können, ist im Rahmen der Prototypenphase u.a. mit fuzzy shapes (zur Darstellung unbestimmter, lückenhafter Ausdehnung), und einer speziell entwickelten Farbskala (zur Abbildung der Transformationsgrade) experimentiert worden. Zur Veranschaulichung der ersten visuellen Umsetzungen einige Musterkarten und Schemata:

•  Farbschema: Die oben eingeführten Kategorien »importiert«, »transformiert« und »fingiert« werden farblich kodiert. Die in warmen Farbtönen gehaltene Farbskala repräsentiert »Schauplätze«, im Kontrast dazu zeigen kühle Farbtönen die »projizierten Räume« an. Daraus resultiert eine Matrix von 2×3 Farbfeldern zur Visualisierung der Kategorien und Raumtypen.

Abb. 1: Farbschema für Schauplätze und projizierte Räume, bezüglich ihr Verhältnis zum realen Georaum

Abb. 1: Farbschema für Schauplätze und projizierte Räume, bezüglich ihr Verhältnis zum realen Georaum

• Fuzzy shapes: Die sogenannten fuzzy shapes umfassen geometrische Formen, die keine genaue Abgrenzung aufweisen. Damit entsprechen sie als Darstellungsform den geographischen Räumen der Literatur, die nur in seltenen Fällen präzise abgrenzbar sind. Fuzzy shapes entstehen durch eine Einfärbung von Gebieten, die mit zunehmender Entfernung vom Zentrum allmählich verschwindet. Zur Darstellung der oben erwähnten Kategorien und Raumtypen basieren sie auf deren Farbschema.

Abb. 2: »Fuzzy shapes« für Punkt-, Linien- oder Flächenförmige Schauplätze oder projizierte Räume

Abb. 2: »Fuzzy shapes« für Punkt-, Linien- oder Flächenförmige Schauplätze oder projizierte Räume


Herausforderungen

Historische Wandlungen des Georaums als Referenzpunkt: Ein neuer Arbeitsbereich eröffnet sich mit der digitalen Aufbereitung historischer Karten. Die Georäume, die als Referenzräume fungieren, sind historischen Veränderungen unterworfen – in urbanen Gebieten selbstredend sehr viel stärker als im ländlichen Raum. Die bereits gesammelten und eingescannten Karten sollen so bearbeitet und verknüpft werden, dass künftige Nutzerinnen und Nutzer auch abrufen können, wie der Raum zur Zeit der fiktionalen Handlung ausgesehen hat (z.B. liegen gewisse Handlungsräume der Prager Literatur im 19. Jahrhundert im Grünen, während sie auf einer aktuellen Karte inmitten der – gewachsenen – Stadt eingezeichnet werden müssten). Auch die für Europa so dominante Thematik der sich historisch wandelnden und wandernden politischen Grenzen (z. B. Zerfall des Habsburgerreiches; Aufhebung der deutsch-deutschen Grenze) muss in die Visualisierung der Basiskarten einfliessen. Hier können entscheidende Anregungen im Bereich History GIS gefunden werden.

• Massstabwechsel: Ein anderes Problem ist verbunden mit dem konstanten »zooming effect« von Literatur: Die Perspektive kann sehr schnell wechseln von einer fast mikroskopischen Einstellung auf ein einzelnes Haus, ja ein Zimmer, bis zu Sprüngen in eine globale Dimension. Für die Zwecke des Literarischen Atlas Europas muss deshalb mit verschiedenen Kartenmassstäben experimentiert werden. Die Visualisierung der einzelnen Schauplätze muss dabei je nach Massstab angepasst und gegebenenfalls generalisiert werden. Auf kleinmassstäbigen Europa- oder Weltkarten stehen Aussagen über den Horizont der literarisch genutzten Räume im Vordergrund, während auf den grossmassstäbigen Karten, (vor allem urbaner Räume, wie etwa Prag) das sehr detaillierte Zusammenspiel der einzelnen räumlichen Elemente bis auf Hausebene zu erkennen ist.

Schauplatzdichte: Eine weitere Herausforderung ist die stark variierende Dichte der Schauplätze. Vor allem in historischen Prager Romanen sind mehrere hundert Schauplätze pro Text auf sehr kleinem Raum keine Seltenheit. Das andere Extrem sind Texte mit nur einem oder wenigen sehr weit voneinander entfernten Schauplätzen. Kartographische Lösungen müssen gefunden werden, um die sich überlappenden Schauplätze detailliert zeigen zu können, ebenso wie den Fokus bei wenigen Einträgen auf die wichtigen Plätze zu richten (z.B. durch Kartogramme, die einzelne Raumeinheiten gemäss Bedeutungsgrad proportional verzerren, oder durch Verdrängungsalgorithmen, insbesondere bei Textinformation).