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Arbeit mit historischen Karten

Arbeit mit historischen Karten: Literaturgeographische Recherche am Beispiel von Liliencrons Novelle »Greggert Meinstorff«

Von Kim Seifert

Zu den Aufgaben der Literaturwissenschaftler innerhalb des Projektes „Ein literarischer Atlas Europas“ gehört auch die Recherche und Nutzung von allerlei Zusatzmaterial, das für die literaturgeographische Analyse notwendig ist. Ein Problem, das hier prominent auftaucht, ist die Tatsache, dass sich natürlich auch der sogenannte Georaum im Laufe der Zeit massiv wandeln kann. Oft ist dann das Beiziehen von historischem Kartenmaterial unabdingbar. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen.

Der in Kiel geborene Dichter Detlev von Liliencron befindet sich nur kurz zwischen 1882 und 1883 als Hardesvogt auf der Insel Pellworm; dennoch handelt es sich hierbei um eine literarisch sehr  produktive Phase, aus der vor allem die fünf sogenannten »Nordseeküstennovellen« hervorgegangen sind.

Die Schauplätze dieser Novellen befinden sich entweder direkt auf oder in unmittelbarer Nähe von Pellworm: Der Handlungsraum besteht also ausschließlich aus dieser Insel und den umliegenden Halligen und Inseln. Für Liliencron lässt sich hier die These von der Subregion innerhalb der Gesamtregion Nordfriesland/Dithmarschen bestätigen: Wer über Inseln und Halligen schreibt, betritt literarisch nicht das Festland (siehe Beitrag »Das Profil einer Modellregion – Nordfriesland literaturgeographisch betrachtet«).

Für die literaturgeographische Recherche dieser Texte ergeben sich Besonderheiten.

Die nordfriesische Inselwelt unterliegt selbstverständlich stetigem geographischem Wandel, den es bei einer Bearbeitung von Texten des 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen gilt. Man mag nun einwerfen, die Diskrepanz zwischen historischen und aktuellen Karten seien in allen Regionen von Bedeutung. Doch für die Insel- und Halligwelt gilt dies in potenzierter Form: Sturmfluten und Deichbau haben die Küstenlinie über die Jahrhunderte immer wieder verändert.

Wie wirkt sich dieser Umstand auf die konkrete Kartierung von Texten aus? Als Beispiel möchte ich im Folgenden die Recherche und Arbeit an Liliencrons kurzer Novelle »Greggert Meinstorff« (1888) vorstellen.

Die Erzählung spielt Ende des 18. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte des gefürchteten und geachteten Statthalters der friesischen Inseln Greggert Meinstorff, der mit einer jungen Wirtstochter Pellworms Ehebruch begeht. Getrieben vom Bewusstsein der Schwere seines Vergehens fährt Greggert in einer stürmischen Nacht todesmutig mit dem Boot hinaus, um den Bewohnern der brennenden Hallig Bubhever zu Hilfe zu eilen, und kommt dabei ums Leben.

Abb. 1: Detailausschnitt der Einzeltextkarte von »Greggert Meinstorff« (Detlef von Liliencrons)

Abb. 1: Detailausschnitt der Einzeltextkarte von »Greggert Meinstorff« (Detlef von Liliencrons)

Betrachtet man nun die Schauplätze der Novelle, stellt man fest, das diese sich unterschiedlich gut verorten lassen: Das Wirtshaus liegt eindeutig am Westerdeich, Greggerts Wohnhaus steht irgendwo auf Pellworm und ist daher nur zonal zu verorten. Spannend wird es bei der Kirche »Zu unserer lieben Frauen auf dem Pferde«. Sie scheint keine Referenz zum Georaum zu haben – es gab und gibt auf Pellworm die Alte und Neue Kirche (Abbildung 1).

Verwirrend ist vor allem der Schauplatz des furiosen Endes der Novelle, als Greggert die Hallig Bubhever brennen sieht und am Hafen im Norden der Insel mit seinem Boot untergeht. Hallig Bubhever? Auf einer aktuellen Karte der Region gibt es keine solche Hallig. Recherchiert man jedoch historisch Karten der Region Pellworm und Nordstrand, so kann man auf diesen ersehen, dass diese beiden Inseln einst eine zusammenhängende Insel bildeten (siehe Abbildung 2). Alt-Nordstrand brach dann bei einer verheerenden Sturmflut 1634, der zweiten großen Mandränke, praktisch »auseinander« und ein Großteil versank im Meer.

Abb. 2: Pellworm und Nordstrand, historische Karte

Abb. 2: Pellworm und Nordstrand, historische Karte

Auf Alt-Nordstrand gab es, wie aus der Karte ersichtlich, ein Kirchspiel namens Bubhever. Aus einer weiteren Karte geht hervor, dass der heutige nordöstliche Teil der Insel Pellworm erst 1938, also weit nach Liliencrons Schaffenszeit, eingedeicht wurde (siehe Abbildung 3). Heute heißt dieser Teil der Insel »Bubheverkoog« (siehe Abbildung 4).

Abb. 3: Pellworm und Nordstrand, historische Karte mitsamt Eindeichungen

Abb. 3: Pellworm und Nordstrand, historische Karte mitsamt Eindeichungen

Abb. 4: Pellworm historische Detailkarte

Abb. 4: Pellworm historische Detailkarte

Doch zurück zu Greggert Meinstorff. Anhand der Recherche historischer Karten wird klar, dass Liliencrons Hallig Bubhever einen deutlichen Bezug zum historischen Georaum hat; allerdings konnte leider keine der Karten einen Hinweis darauf geben, ob es Ende des 18. Jahrhunderts eine Hallig Bubhever gegeben hat. Aufgrund des stetigen Wandels der Region scheint dies jedoch zumindest im Bereich des Möglichen. Letztlich bleibt das Verhältnis von Georaum und Textraum an dieser Stelle unentschieden. Eine Kartierung wird aber möglich, wenn Liliencron schreibt:

„Als er gegen Morgen (…) noch einmal den Turm bestieg, bemerkte er im Norden der Insel            einen Feuerschein. Er überzeugt sich bald, daß diese von der Hallig Bubhever, die durch      einen breiten Meeresarm von Schmerhörn getrennt war, herüberleuchtete. (…) Der Wind, gradeaus von Norden kommend, packte ihn; (…) Sein Ziel war das Fährhaus, wo, an einem       eingebognen Teil des Steindeichs ein kleiner Hafen lag, in dem die Boot ruhten, die den       Verkehr mit der Hallig Bubhever vermittelten.“

Dieser Hafen ist der entscheidende Schauplatz am Ende der Novelle; hier stürzt sich Greggert in die gefährlichen Fluten. Mit allen Hinweisen läßt sich der Schauplatz zonal als ehemalige Küstenlinie im Nordosten der Insel einzeichnen (siehe Werkkarte Greggert Meinstorff). Dass diese Linie heute mitten auf der Insel liegt, mag auf den ersten Blick verwunderlich sein, erklärt sich aber anhand der  veränderten Küstenlinie von 1938.

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass gerade historische Karten ein manchmal unerlässiges Hilfsmittel bei der Verortung von Schauplätzen und/oder projizierten Orten sind. Für eine weitere Projektphase wäre es wünschenswert, auch historische Karten – wo hilfreich – in die Datenbank einzupflegen, um dem geographischen Wandel Rechnung zu tragen und den Texten so gerecht wie möglich zu werden.

 

 

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