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Alois JiraséK: »F.L.Vek« Interpretierte Wege, Diagrammatische Darstellung

Prag in historischen Romanen

Prag in den historischen Romanen von Alois Jirásek - Eine literaturgeographische Lektüre

von Marie Froliková

Die großen historischen Romane von Alois Jirásek (1851-1930) erfassen die wichtigsten Zeitepochen und Ereignisse der tschechischen Geschichte. Die Romane Proti všem (1894) und Mezi proudy (1-3, 1891) beschreiben die Anfänge der hussitischen Bewegung, die Hussitenkriege und den allmählichen Zerfall der Hussitenbewegung. Der Roman Temno (1915) bezieht sich thematisch auf die Rekatholisierung des tschechischen Volkes am Anfang des 18. Jahrhunderts. In dem aus fünf Teilen bestehenden Roman F. L. Věk (1890-1907) schildert Jirásek die Tätigkeit der nationalen Aufklärer in Prag und in der tschechischen Kleinstadt Dobruška vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte, vor allem der Napoleonischen Kriege.

Was den Handlungsraum angeht, so ist festzustellen, dass Prag in allen genannten Romanen eine der Haupthandlungszonen ist. Die Trilogie Mezi proudy ist insbesondere für die Evokation des ehemaligen jüdischen Ghettos wichtig, das am Ende des 19. Jahrhunderts saniert wurde, der Roman Temno für die Evokation Prags der Barockzeit mit seiner religiösen Atmosphäre. Der Roman F. L. Věk evoziert sehr anschaulich Prag um 1800 und die Feldzüge der verfeindeten Armeen mitsamt den Pragbesuchen der europäischen Herrscher, die in die kriegerischen Auseinandersetzungen verwickelt waren. Zu weiteren Handlungszonen gehören in den hussitischen Romanen die Städte und Festungen in Südböhmen, ferner die Umgebung der Burg Křivoklát in Mittelböhmen und Ostböhmen. In Temno und F. L. Věk werden neben dem Stadtraum Prag und den Städten in Westböhmen noch der Kleinstadtraum und Landraum Ostböhmen aufgebaut.

Die Prager Schauplätze sind vorwiegend im historischen Stadtzentrum angesiedelt und sind topographisch korrekt dargestellt – d. h. sie sind kartierbar. So wird der Bezug zwischen dem Textraum und seinem Vorbild kenntlich. Ein Problem bedeutet jedoch die Tatsache, dass Jiráseks Romane auch Räume entwerfen, die bis heute entweder nicht erhalten geblieben oder unbenannt worden sind. Dies gilt in erster Linie für viele Straßen, die heute andere Namen haben als zu der Zeit, in der die Romane spielen (z. B. die heutige Karlsstraße ist in dem Roman F. L. Věk unter dem Namen „Jezuitská ulice“ zu finden), und nicht minder für viele heute nicht mehr existierende Sehenswürdigkeiten und Häuser.

Abb. 1: Alois Jirásek: »F.L. Věk III« importierte Schauplätze (rot) und importierte Projizierte Räume (violett)

Abb. 1: Alois Jirásek: »F.L. Věk III« importierte Schauplätze (rot) und importierte Projizierte Räume (violett)

Die Recherchen erfordern aus diesem Grunde die Einbeziehung von Sekundärliteratur, die der Topographik Prags gewidmet ist.

Zu den verschwundenen Räumen gehören insbesondere Kirchen, Tore, Spitäler und nicht zuletzt auch Gärten (z. B. gab es den Kanálská-Garten „irgendwo“ in dem Stadtteil Vinohrady). In F. L. Věk ist öfters von dem „Poříčská-Tor“ und dem „Koňská-Tor“ die Rede. Das Poříčská-Tor, das an dem Ort stand, wo es heute die Straße Na Poříčí gibt (diese Straße gehört dem Stadtteil „Petrská čtvrť“ an, der Bestandteil der Neustadt ist), diente lange Zeit als das Haupteintrittstor für alle, die nach Prag reisten (so auch in F. L. Věk). [...]

Typisch für Jiráseks Romane ist, dass die Figuren von einer Handlungszone in die anderen reisen und sich innerhalb der Haupthandlungszone Prag auch viel bewegen. Das macht das Bild Prags sehr dynamisch. Am dynamischsten ist es in den Romanen Temno und F. L. Věk. Dies deshalb, weil in diesen Texten verschiedene Prozessionen beschrieben sind, die entweder aus religiösen oder politischen Anlässen von der Prager Altstadt über die Karlsbrücke zur Prager Burg pilgern. [...]

Abb.2: Alois Jirásek: »F.L. Věk III « Bewegungen der Figuren - Wege durch das Prager Zentrum

Abb.2: Alois Jirásek: »F.L. Věk III « Bewegungen der Figuren - Wege durch das Prager Zentrum

In allen Kategorien (Schauplatz, projizierter Raum, Marker usw.) werden geographische Angaben angehäuft, die, insbesondere im Falle des Romans F. L. Věk, der, wie schon erwähnt, die Napoleonischen Kriege zum Thema hat, die europäische Dimension des Romans sichtbar machen. Prag ist in ihnen wegen seiner historischen und politischen Bedeutung die strategisch wichtigste Handlungszone mit einer überregionalen Geltung. [...]

Jiráseks Romane zeichnen sich ferner dadurch aus, dass in ihnen der Kategorie „projizierter Raum“ eine große Bedeutung zukommt. Da die Protagonisten an dem öffentlichen Leben und der aktuellen politischen Situation interessiert sind, sind sie psychisch völlig in der realen Welt verankert, was zur Folge hat, dass sie auch in ihren Gesprächen, die sie miteinander führen – z. B. in dem Salon der Gräfin Skronská in der Ječná-Straße in der Neustadt –, sowie in ihren Gedanken stets den realen Raum berücksichtigen.

[...]

In der Schilderung Prags in dem Roman Temno ist Jirásek sehr um die Erfassung des Geistes der Barockzeit bemüht. Es sind die Schönheit der Barockarchitektur und der Prunk der jesuitischen Veranstaltungen und Feierlichkeiten, die die Protagonistin Helenka, die Tochter des Protestanten Machovec aus Ostböhmen, der gezwungen wurde, nach Sachsen zu emigrieren, wenn er seinem Glaubensbekenntnis treu bleiben wollte, für Prag, wo sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tomáš in einem katholischen Hause „religiös“ umerzogen wird, begeistern. Die Jesuiten haben nach dem Dreißigjährigen Krieg ihre Position verfestigt, so dass z. B. die Betlehemskapelle, in der am Anfang des 15. Jahrhunderts Jan Hus predigte, nun in ihrem Besitz ist und hier u. a. die Himmelfahrt der Jungfrau Maria pompös gefeiert wird.

In dem Roman wird gezeigt, wie die Jesuiten das Volk für den katholischen Glauben mithilfe von prachtvollen Inszenierungen zu gewinnen versuchen – Prag erscheint in dieser Hinsicht als eine für solche Inszenierungen besonders geeignete Stadt. Die Hervorrufung des Eindrucks der Schönheit ist sozusagen eine wirksame Strategie der katholischen Propaganda. Diesen Zwecken wurde z. B. der Jesuitengarten dienlich gemacht, der sich einst auf der Kleinseite unweit vom Moldauufer erstreckte. In die Romangeographie wurden auch diejenigen Gebiete von Prag einbezogen, die später der Stadt eingemeindet worden sind, am Anfang des 18. Jahrhunderts aber zur Stadt nicht gehörten. Es ist das heutige Stadtviertel Žižkov, wo damals Weinberge waren. Von den damaligen Dörfern, die heute Prager Stadtviertel sind, werden in dem Roman Podolí, Michle, Libeň, Troja, Bubeneč und Holešovice erwähnt.

In allen Romanen von Alois Jirásek wird Prag in historischen und politischen Kontexten literarisiert, was ein realistisches Bild der Stadt entstehen lässt. Der Wirklichkeitsnähe der Raumgestaltung entspricht, dass man in Jiráseks Romanen keine synthetisierten Räume findet.

Zu fragen bliebe allerdings, inwieweit zum Beispiel die Lokalisierung der Wohnungen der Romanfiguren mit der Realität übereinstimmt.

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