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Visualisierung von literarisierten Figurenwegen - schematisierter Weg (oben) & individualisierter Weg (unten)

Alle Wege führen nach Prag

 

„Visualisierungsentwicklung von Figurenwegen in literarischen Texten“

 von Anneka Reuschel

Ausgangssituation

Ein zentrales Element des literarischen Raumes sind die Wege. Durch den Weg, den eine Figur im Text beschreitet werden Schauplätze, Projizierte Räume und auch Handlungszonen miteinander verbunden. Dabei stellt das Nachvollziehen eines Weges die größte Herausforderung dar: nicht selten erscheinen die Figuren aus dem „Irgendwo“ oder verlieren sich am Ende ins Unbestimmte und auch der Wegverlauf zwischen den beschriebenen Räumen ist oft nicht eindeutig.

Vorüberlegungen

Aus diesem Grund wird bei der Eingabe von Wegpunkten unterschieden zwischen solchen, die direkt im Text genannt sind (textimmanent), solchen die plausibel sind (z.B. der Weg wird mit einem Schiff zurückgelegt, also muss er über das Wasser gehen) und interpretierten Punkten, die einen genaueren Weg zeigen, als dem Text tatsächlich zu entnehmen ist. Bei der Darstellung der Wege soll man zwischen verschiedenen Modi wählen können:

  • Schematisierte Wege: Flugroutenähnliche Wege, bei denen nur die Wegpunkte für den Verlauf des Weges genutzt werden, die direkt (explizit) aus dem Text zu entnehmen sind.
  • Interpretierte Wege: Ein detaillierter, interpretierter Wegverlauf, bestehend aus interpretierten, plausibilisierten und textimmanenten Wegpunkten.
 Visuelle Umsetzung 

Bei den schematisierten Wegen werden die direkt aus dem Text beschriebenen Orte direkt miteinander verbunden. Dabei wird farblich unterschieden ob es sich um einen projizierten Weg im Gedächnis der Figur handelt, oder um einen Weg mit Schauplatzcharakter. Dies geschieht analog zu der Farbklassierung welche für Schauplätze und Projizierte Räume bestimmt wurde. Um den skizzenhaften und keinesfalls präzisen Verlauf des gezeigten Weges Ausdruck zu verleihen wurde ein Gausscher Unschärfeverlauf auf die Wegsegmente angewendet: ein radialer Verlauf bei den Wegpunkten und ein linearer Verlauf orthogonal verlaufend zu jedem einzelnen Wegsegment.

Wählt man den interpretierten Wegverlauf, erscheint dieser durch interpretierte und plausibilisierte Wegpunkten wesentlich differenzierter. Die hinzugefügten Punkte soll der Kartenleser allerdings eher als eine Möglichkeit interpretieren, für die sich der Textinterpreter entschieden hat. Es wurde versucht, die Darstellung des Wegverlaufes weiterhin als „nicht gesichert“ zu zeigen. Die Transparenz nimmt deshalb mit zunehmender Entfernung zum Wegpunkt ab. Ist der Abstand zwischen den Punkten sehr groß, erscheint nur noch ein kleiner Pfeil zwischen den Punkten und weist die Richtung zum nächsten Wegpunkt. So wird sichergestellt, dass der Kartenleser der nur teilweise beschriebenen Wegstrecke folgen kann. Sind Anfangs- oder Endpunkt unbekannt und der Weg verläuft ab einem bestimmten Punkt ins Ungewisse, wurde die Idee eines sich auffächernden Kreisringes skizziert. Zusätzliche Informationen, wie z.B. der Name der Figur welche den Weg beschreitet, können über ein ‚mouse-event’ abgerufen werden.  Vergleiche dazu Abb. 1.

Abb. 1: Visualisierung unpräziser Wegverläufe

Abb. 1: Visualisierung unpräziser Wegverläufe

Entwicklung

Einige Vorstufen der Wegevisualisierung wurden im Folgenden zusammengetragen. Vor der Idee der zwei Darstellungsmodi wurden Wege mit unterschiedlichen Linienstilen und Bezierkurven getestet, um zu verdeutlichen, dass keine eindeutigen Wegverläufe gezeigt werden (Abb 2). Diese Linien suggerierten in einer  durchgeführten Umfrage allerdings eher Fluglinien und wurden wieder verworfen. Die Idee der transparent werdenden Linie bei zunehmender Entfernung zum beschriebenen Schauplatz, begann mit Skizzen ähnlich wie in Abb. 3. Anfangs wurde die zunehmende Unsicherheit noch an die Strichstärke der Linie gekoppelt.

Abb. 2: Erste Visualisierungsskizzen für unpräzise Wegverläufe

Abb. 2: Erste Visualisierungsskizzen für unpräzise Wegverläufe

Abb. 3: Visualisierungskizze - Unsicherheit gekoppelt an die Strichstärke

Abb. 3: Visualisierungskizze - Unsicherheit gekoppelt an die Strichstärke

Ungelöste Probleme

Darüberhinaus gibt es im Zusammenhang mit Wegen eine Reihe weiterer spannender, visuell noch zu lösender Sachverhalte. Figurenwege können zeitlich unterbrochen sein oder der Weg einer Figurengruppe trennt sich in verschiedene Richtungen. Auch Hin- und Rückwege sind visuell eine Herausforderung.

GIS Analyse

Um eine Aussage von der Figurenbewegung ausgehend von den zwei Modellregionen Prag und Nordfriesland zu treffen, wurde eine GIS-Analyse realisiert. Der Analyse lagen 77 Prager Texte und 120 Texte aus Nordfriesland zugrunde. In Abb. 4 wurden die Figurenbewegungen beider Modellregionen gegenübergestellt. Schon auf den ersten Blick erkennbar ist die viel größere Verbreitung von Figuren aus den Prager Texten. In Abb. 5 und 6 wurde das Bewegungsmuster weiter differenziert, so dass nun auch Richtungen erkennbar sind. Im Fall von Prag kann man ein regelrechtes globales Wegefeuerwerk ausmachen. Figuren aus Texten der Modellregion Nordfriesland hingegen bewegen eher verhalten, und wenn sie auf Reisen gehen, nutzen sie in den meisten Fällen das Schiff.

Abb. 4: Figurenbewegungen aller Texte der Modellregion Prag (schwarz), und Modellregion Nordfriesland (grün)

Abb. 4: Figurenbewegungen aller Texte der Modellregion Prag (schwarz), und Modellregion Nordfriesland (grün)

Abb. 5: Figurenbewegungen der Modellregion Nordfriesland, klassiert nach Verlauf

Abb. 5: Figurenbewegungen der Modellregion Nordfriesland, klassiert nach Verlauf

Abb. 6: Figurenbewegungen der Modellregion Prag, klassiert nach Verlauf

Abb. 6: Figurenbewegungen der Modellregion Prag, klassiert nach Verlauf

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