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Schimmelreiter

Nordfriesland – Der Raum als Akteur

Nordfriesland – Der Raum als Akteur

von Kathrin Winkler

In der Literaturgeographie geht es immer auch darum, den Schauplatz (oder projizierten Ort) in seiner Funktion für den Text zu benennen. Hierfür steht beispielsweise die Kategorie der protagonistisch-physischen Raumfunktion zur Verfügung. Diese Kategorie erfasst den Raum als Akteur, der in den Verlauf der Handlung eingreift. Wie kann man sich ein solches ‘Handeln’ des Raumes vorstellen?

Abb. 1: Einzelobjektdarstellung: Schauplätze und Projizierte Räume mit protagonistisch-physischen Qualitäten, Modellregion Nordfriesland

Abb. 1: Einzelobjektdarstellung: Schauplätze und Projizierte Räume mit protagonistisch-physischen Qualitäten, Modellregion Nordfriesland

Im Falle der Modellregion Nordfriesland-Dithmarschen ist es zumeist die Nordsee, die Einfluss auf die Fabel nimmt. Das stete Handlungspotenzial des Raumes in Form von möglichen Naturkatastrophen (Sturmfluten, Überschwemmungen, etc.) bildet in vielen Texten die thematische Kulisse für die Handlung (Abb. 1): Wenn in Storms Schimmelreiter der Großteil der Handlung nicht nur auf dem Deich spielt, sondern auch den Deichbau zum zentralen Thema hat, dann ist der aufgerufene Raum in seiner Spezifik als Subregion ‘Küste’ mehr als bloß kulissenhaft. Das Personal der Erzählung rechnet mit einem Eingreifen der Natur und richtet seine Handlungen danach aus. Die ständige Auseinandersetzung mit der Nordsee prägt den Textraum, wirkt identitätsstiftend: Das Selbstverständnis der Figuren basiert häufig auf ihrer Widerstandsfähigkeit angesichts der Natur. Die beschriebene Lebensweise ist stark vom Raum in seiner Spezifik abhängig und die Menschen sind immer auf mögliche ‘Übergriffe’ des Meeres vorbereitet: »Hie und da begann man schon vor Haustüren und Kellerfenstern die hölzernen Schotten einzulassen, zwischen deren doppelte Wände dann der Dünger eingestampft wurde, der schon seit Wochen auf allen Vorstraßen lagerte.« (Theodor Storm, Carsten Curator)

Aus einer solchen thematischen Kulisse kann im Laufe der Erzählung eine protagonistisch-physische Raumfunktion werden, so im Schimmelreiter: Eine Sturmflut lässt den Deich brechen und initiiert die finale Katastrophe. In diesem Moment wird die Nordsee personifiziert, sie greift als Handelnde in das Geschehen ein (Abb. 2).

Wenn der Raum in den bearbeiteten Texten in Aktion tritt, wird er als Gegenspieler des Menschen inszeniert. Das Nebeneinander von Land und Wasser provoziert eine Konfrontation von Mensch und Natur; der Küstenverlauf schreibt zwar vermeintlich den Grenzverlauf der Bereiche fest, doch diese Grenze ist hart umkämpft. Der Mensch ringt dem Meer Land ab, das Meer nimmt es sich zurück: Der von Hauke Haien eingedeichte Koog wird schlussendlich vom Wasser ‘zurückerobert’. Liliencron benennt die See als Kontrahenten, wenn er im Titel seiner Erzählung das Meer als direkten Gegenspieler auch be-nennt im wörtlichen Sinne (Der Blanke Hans). Auch auf Textebene wird das Meer anthropomorphisiert, wenn Cäcilie denkt: »Wie das Wasser über die Deiche spritzt, als könnt es die Zeit nicht erwarten vor Ungeduld, den neuen Besitz in sich aufzunehmen…«. Wenn der Raum als Akteur in Erscheinung tritt, ist auch die Funktion dieses Handlungsmotivs von Interesse. Gibt es hier Übereinstimmungen zwischen den untersuchten Texten, in denen der Raum eine protagonistisch-physische Qualität aufweist? Dazu zwei Gedanken: In Storms Carsten Curator und Liliencrons Der Blanke Hans ist eine Parallelführung von Natur- und persönlicher Katastrophe auffällig. Die Figur Carsten Curator in Storms Text muss Schritt für Schritt einsehen, dass er seinem verantwortungslosen Sohn Heinrich, alkoholkrank und bankrott,  nicht mehr helfen kann. Dieser Erkenntnisprozess ist parallel zur herannahenden Sturmflut erzählt. Auf dem Höhepunkt des Unwetters fallen Vater-Sohn-Konflikt und Überflutung der Husumer Innenstadt zusammen. Analog zur doppelten Lesbarkeit der Sturmflut im Carsten Curator funktioniert die Sturmflut in Der Blanke Hans: Hier ist es das Thema der unerfüllten bzw. unerwiderten Liebe, deren zunehmende Spannung und Tragik in der aufkommenden Sturmflut gespiegelt sind. In zwei anderen Texten fordert der handelnde Raum den Protagonisten geradezu heraus: Greggert Meinstorff in Liliencrons gleichnamiger Novelle und Storms Hauke Haien stürzen sich am persönlich wahrgenommenen Tiefpunkt ihrer Existenz in die Fluten und kommen darin um. Beide Aktionen sind nicht geplant; erst in direkter Konfrontation mit der Erhabenheit der Natur lassen sie sich vom Innen und Außen überwältigen. Die Protagonisten sehen sich beim Anblick der wütenden See quasi zum Handeln gezwungen – im Sinne eines potenzierten: space calls for action.

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