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Abb. 1: Schauplätze statistisch dargestellt (links: Theodor Storm Texte - Grundlage: 34Texte) (rechts: Storms Zeitgenommes, u.a. Detlef von Liliencron, Klaus Groth; Grundlage: 23 Texte)

Modellregion Nordfriesland

Das Profil einer Modellregion – Nordfriesland literaturgeographisch betrachtet

Kathrin Winkler und Kim Seifert

Arbeitsweise

Wo spielt dieser Text? Bei der literaturgeographischen Beschäftigung mit den Texten, deren Handlung sich in der Region Nordfriesland/Dithmarschen abspielt, erhält der Leser auf diese Frage zumeist eher vage Antworten:

»Im hohen Norden«, »bei den Friesen«, »wo die Möwen über’m Wasser kreisen« und »die Nordsee an den Deichen rüttelt« spielt sich die Handlung ab.

Mit diesen Beschreibungen wird die Region als Ganze in ihrer Spezifik aufgerufen; als solche ist sie thematische Kulisse, nicht austauschbar, der fiktionale Raum ist in seiner Einzigartigkeit benannt.
Wenn die genaue Verortung auch auf den ersten Blick unklar erscheint, so steht eines zumindest schnell fest: dass sich die Handlung an der schleswig-holsteinischen Westküste abspielt.

Wer aber die Schauplätze genauer bezeichnen und auch verzeichnen möchte, wie unser Projekt es sich zur Aufgabe gemacht hat, stößt beim näheren Hinsehen auf Probleme, die allein mit Informationen aus dem Text nicht zu lösen sind. Es werden kaum Toponyme verwendet, die die Schauplätze zweifelsfrei verorten würden. Die Geschichte ereignet sich in »einer Stadt«, schreibt beispielsweise Theodor Storm, Schauplatz der Geschehnisse ist »die Marsch«, lesen wir bei Groth. Die Orte sind größtenteils unbenannt und zwingen den literaturgeographisch Interessierten, andere Quellen als den Primärtext hinzuzuziehen.

Gerade bei einem gut erforschten Autor wie Theodor Storm lässt sich eine Fülle an Sekundärliteratur finden, die Aufschluss über die realen Vorbilder der fiktionalen Örtlichkeiten geben kann. Aus Storms Biographie lässt sich bereits erkennen, dass viele ihm vertraute Orte Eingang in sein Werk gefunden haben. Das in der Forschungsliteratur so bezeichnete »Urgroßvaterhaus« in Husum an der Ecke Schiffsbrücke/Twiete beschreibt Storm in vielen Novellen bis ins maßstabsgetreue Einrichtungsdetail, so unter anderem in der Novelle »Carsten Curator« (1878). Aus Briefwechseln mit Verleger und Freunden wird deutlich, dass manchmal ganze Handlungsstränge auf realen Ereignissen beruhen: Die Söhne des Senators aus der gleichnamigen Novelle (1881) hat es ‘wirklich’ gegeben. Der Streit ereignete sich zwischen den Söhnen von Storms Ur-Urgroßvater, dem Bürgermeister Simon Woldsen in Husum. Wie in der Familienchronik der Woldsens nachzulesen ist, spielte sich der historische Streit in der Hohlen Gasse ab, die so als Vorlage für die Schauplätze der Novelle benannt werden kann.

Manchmal können derartige Zusatzinformationen zum Text aber auch irreführend sein: So hat sich die Geschichte des Protagonisten Hinrich Fehse in »Draußen im Heidedorf« (1873) während Storms Amtszeit als Landvogt zwar so zugetragen und der Text selbst legt nahe, dass die Handlung aller Wahrscheinlichkeit nach in Ostenfeld spielt. Doch die reale Vorlage ereignete sich in Rantrum, einem kleinen Ort südöstlich von Husum, der als Schauplatz ausscheidet, da das »Wilde Moor«, in dem sich der Protagonist das Leben nimmt, weiter östlich zwischen Schwabstedt und Winnert liegt.

Auch andere Autoren bleiben bei der Verortung ihrer Handlungsstränge uneindeutig. Liliencron nennt in keinem Text das Toponym »Pellworm«, sondern entscheidet sich stattdessen für die abfällige Bezeichnung »Schmeerhörn« – heute der Name eines Ortsteils von Pellworm. Erst wenn man Sekundärliteratur hinzuzieht oder anderen Hinweisen im Text (beispielsweise Straßennamen, Hinweise auf Nachbarinseln) folgt, lässt sich Pellworm als Handlungsort ausmachen.

So weit, so uneindeutig. Ab hier wird eine noch genauere Verortung der Schauplätze erst dann möglich, wenn Hintergrundinformationen ganz abseits von Autor und Text recherchiert werden. Für eine Bearbeitung der Pellworm-Novellen ist es unumgänglich zu wissen, dass ein Teil der Insel erst 1939 neu eingedeicht wurde; die Erzählungen spielen jedoch allesamt Ende des 19. Jahrhunderts. Erst vor dem Hintergrund dieser Veränderung der Ausdehnung der Insel ist es möglich zu beurteilen, von welchem Deich aus die Figuren aufs Meer blicken.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Schauplätze und projizierten Räume sind meist unbenannt oder verschleiert; sie sind dann nur indirekt referenzialisierbar, das heißt, nur unter Hinzuziehung von historischen und biographischen Kontextinformationen wird eine präzise oder zumindest zonale Verortung möglich.

Interpretationsansätze

Was also kann man auf den Karten sehen? Welches Bild ergibt sich nach der literaturgeographischen Analyse der bisher bearbeiteten Texte?
Hier gilt es zunächst einiges festzuhalten: Auffällig ist, dass die meisten Schauplätze und projizierten Räume innerhalb eines Textes importiert sind und sehr eng beieinander liegen.

Die Handlung spielt sich meist in wenigen Häusern oder ein bis zwei Dörfern ab, wobei sich die einzelnen Orte kaum voneinander unterscheiden.

Es wird also textintern selten eine qualitative Änderung der Raumkonstruktion über einen Schauplatzwechsel vorgenommen. Der Handlungsraum eines Textes konzentriert sich auf eine bestimmte, eng gefasste Umgebung, die Raumattribute des Gesamttextes sind zumeist mit denen der Einzelschauplätze deckungsgleich. Zudem sind die Wegstrecken, die zwischen den einzelnen Schauplätzen zurückgelegt werden, selten als handlungsrelevant inszeniert. Wenn überhaupt erwähnt wird, wie die Figuren von einem Ort zum anderen gelangen, so hat der Weg zumeist keinen Schauplatzcharakter.

Außerdem ist zu bemerken, dass die Texte eines Autors oftmals in der selben Gegend angesiedelt sind. Fast alle Stormnovellen, die innerhalb der Modellregion zu verorten sind, spielen in Husum (siehe Abb. 1 links), Groth bleibt mit seinen Figuren in Dithmarschen, Jensen bewegt sich nicht aus der Wiedinger Harde und Liliencron schreibt entweder über Pellworm oder Kellinghusen – niemals aber im gleichen Text (Abb. 1 rechts). Offenbar bildet jeder Autor einen kleinen Ausschnitt der Gesamtregion ab, stellt diesen dann in den Texten konzentriert dar und arbeitet die besonderen Eigenheiten der Gegend heraus. Es verwundert nicht, dass die meisten Autoren augenscheinlich diejenige Gegend gewählt haben, die ihnen aus persönlicher Anschauung bestens bekannt ist: Storm kommt aus Husum, Groth aus Heide und Liliencron war einige Zeit Hardesvogt auf Pellworm. So weit so gut. Unterhalb dieser für den jeweiligen Autor geltenden ‘Lieblingsgegend’ aber wird eine Schauplatzbestimmung schwierig. Ein »Haus des reichsten Bauern am Ort« wird sich wohl so ziemlich überall finden lassen und der schöne Hof mit den »weißen Fensterläden« kann auch nicht als ideale Wegbeschreibung gelten. Auf der Schauplatzebene bleibt also weiterhin die Frage nach den Gründen für die fehlende Benennung.

»Keinen Namen hinschreiben – sie wecken Vorurteile.«

Fast wirkt es so, als hätten die Autoren der Modellregion diesen Ausspruch Alfred Kerrs im Kopf gehabt, als sie ihre Texte annähernd toponymfrei verfassten.

Die Tatsache, dass die meisten Schauplätze und Projizierten Räume unbenannt bleiben, kann man eigentlich nur so interpretieren, dass zwischen den einzelnen Orten ein hohes Maß an Austauschbarkeit vorliegt. Die Schauplätze und projizierten Räume tragen daher auch selten das Attribut thematisch kulissenhaft – für den Handlungsraum des Textes ist dies viel häufiger der Fall, da auf der Ebene des gesamten Textes durchaus die Modellregion in ihrer Spezifik aufgerufen wird und diese keineswegs austauschbar ist. Somit werden die Texte erst innerhalb dieser recht groben Verortung, wie wir herausgefunden haben, topographisch unspezifisch; einer regionalen Spezifik steht eine binnenregionale Unspezifik gegenüber.

Häufig wird auch nur ein Teilaspekt der Modellregion aufgerufen, wenn Storm in seinen Husum-Texten die norddeutsche Kleinstadt an der Küste thematisiert oder Groth den Gegensatz von Geest und Marsch in Dithmarschen literarisch fruchtbar macht. Groths Texte lassen keinen Zweifel an ihrer groben geographischen Verortung: Erzähler und Figuren sprechen Dithmarscher Platt. Dadurch ist die Modellregion als topographischer Hintergrund aufgerufen. Vor diesem Hintergrund nimmt Groth eine Unterscheidung in die beiden Landschaftsformen Marsch und Geest vor. In welchem Dorf die Handlung spielt ist offensichtlich irrelevant, solange man weiß, ob es sich um ein Geest- oder Marschdorf handelt. Anders gesagt: Die Schauplätze und projizierten Räume sind in ihrer räumlichen Textfunktion austauschbar, solange sie sich in die größere topographische Einheit Dithmarschen einordnen lassen.

Je mehr unterschiedliche Texte in den Blick genommen werden, desto deutlicher tritt hervor, dass sich die Modellregion in einzelne Teilgebiete auffächert. Die Einheit Nordfriesland/Dithmarschen lässt sich so in bestimmte Subregionen aufteilen, die deutlich voneinander unterschiedene geographische Besonderheiten aufweisen: Geest, Marsch, Heidelandschaft, Halligen, etc. Diese Einheiten werden in ihrer Qualität als Teil der Modellregion und als Subregion mit ihren jeweiligen spezifischen Eigenschaften aufgerufen.

Perspektiven

In anderen Worten: Die Texte lassen keinen Zweifel daran, dass die Region als thematische Kulisse entscheidender ist als binnenregionale Exaktheit. Die beschriebenen Ergebnisse beziehen sich allerdings bisher auf Autoren, die aus der Modellregion stammen oder dort gelebt haben, ihre Schauplätze also aus persönlicher Anschauung kennen. Für die Zukunft wäre also interessant zu erforschen, wie andere Autoren die Region beschreiben. Schon bei Hans Christian Andersens Text »Die zwei Baronessen« hat sich gezeigt, dass für diesen die oben beschriebenen Erkenntnisse nicht zutreffen: Hier begegnet der Leser einer Flut von Toponymen (Abb. 4:3). Verhält es sich mit anderen Texten zu- oder durchgereister Autoren ähnlich? In einem nächsten Schritt wäre es zudem vielversprechend, die Unterschiede zwischen den festgestellten Subregionen näher zu analysieren. Wie unterscheiden sich die Handlungsräume in Inseltexten von Erzählungen, die im Binnenland spielen? Fordert eine bestimmte Subregion eine bestimmte Raumdarstellung?

Abb. 2: Einzeltextkarte: Hans Christian Andersen: »Die zwei Baronessen«

Abb. 2: Einzeltextkarte: Hans Christian Andersen: »Die zwei Baronessen«

Hierzu würde es sich anbieten, Texte aus bestimmten Subregionen einander gegenüber zu stellen; während sich also die Textauswahl in der ersten Projektphase zunächst an Autoren orientiert hat, könnte man in einem zweiten Schritt den Fokus auf die einzelnen Teilgebiete richten. Daran anschließend wird zu fragen sein, ob es Regionen gibt, über die niemand (oder niemand mehr) schreibt. Erst wenn eine erheblich größere Anzahl bearbeiteter Texte vorliegt, lassen sich hierzu fundierte Vermutungen anstellen. Bisher wurden Texte von Theodor Storm und Zeitgenossen untersucht. Eine diachrone Untersuchung steht bisher noch aus und könnte Aufschluss geben über die Frage, ob sich die Bindung an Subregionen über die Zeit verschiebt. Bestätigt sich die bisherige Vermutung des ‘am Ort-Bleibens’, die Festlegung eines Autors auf eine bestimmte Subregion? Andersherum gefragt: Gewinnt oder verliert eine spezifische Subregion zu einem Zeitpunkt an literarischer Aktualität?

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